Das baden-württembergische Brasilien-Zentrum der Universität Tübingen feiert sein 20-jähriges Jubiläum

Am 30.10.2000 wurde das Zentrum durch ein Länderabkommen zwischen dem brasilianischen Bundesland Rio Grande do Sul und Baden-Württemberg gegründet und dient als Brücke zwischen den beiden Ländern. Aus diesem Anlass fand eine Feierstunde im Großen Senat der Universität Tübingen statt, an der Corona-bedingt leider nur wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Präsenz teilnehmen konnten. Jedoch war ein großes Auditorium aus Deutschland und Brasilien online zugeschaltet.

Die Veranstaltung wurde von Johannes Kärcher, Ehrensenator der Universität Tübingen, eröffnet, der die Bedeutung Brasiliens für Baden-Württemberg und insbesondere die Pionierarbeit des Brasilien-Zentrums auf diesem Gebiet hervorhob. Kärcher ist ein profunder Kenner der brasilianischen Wirtschaft und Gesellschaft – er lebte über zehn Jahre in Brasilien.

Rektor Prof. Dr. Bernd Engler würdigte die Verdienste des Gründers Prof. Dr. Wolf Engels, der aus gesundheitlichen Gründen nicht an der Feierstunde teilnehmen konnte. Rektor Bernd Engler war selbst mehrfach in Brasilien, unter anderem an der Päpstlich Katholischen Universität von Rio Grande do Sul (PUCRS), der Bundesuniversität Rio de Janeiro (UFRJ) und der Universität von São Paulo (USP), und hat tatkräftig zum Aufbau des brasilianischen Exzellenzprogramms PrInt beigetragen.

Start mit Bau der Forschungsstation Pró-Mata
Mit dem Brasilien-Zentrum begann alles „im Süden“, schon 1996 mit dem Bau der Forschungsstation Pró-Mata, die seither in Zusammenarbeit zwischen der PUCRS und der Universität Tübingen betrieben wird und der Erforschung des atlantischen Küstenregenwalds dient. Projekte in den Bereichen der Pflanzengenetik, Bienenforschung und Geoökologie standen im Vordergrund. Bis heute finden regelmäßig Exkursionen für Studierende aus Baden-Württemberg dorthin statt. Ausgehend von diesem Kristallisationspunkt expandierten die Interessen sowohl geografisch als auch inhaltlich Richtung Norden mit Forstwirtschaftsprojekten in Curitiba (Universität Freiburg, Hochschule Rottenburg) und phytopharmakologischen Projekten mit der UFSM (Universitäten Tübingen und Freiburg).

Ein weiterer Schwerpunkt entwickelte sich ab 2011 im Bereich der Arzneimittelforschung/Drug Discovery mit der UFRJ, der neben Technologietransfer und gemeinsamen Projekten, Publikationen und Patenten auch umfangreichen Lehrexport und akademischen Austausch nachhaltig aufgebaut hat. São Paulo entwickelte sich als Zentrum der Kooperationen auf dem Gebiet der Neurochirurgie, und beide Standorte, Rio de Janeiro und São Paulo, brachten geologische Forschungsthemen mit. Die wesentlich hieran beteiligten Personen waren Prof. Dr. Peter Grathwohl, Prof. Dr. Marcos Tatagiba und Prof. Dr. Stefan Laufer.

Jüngst erschlossene Themen legen Schwerpunkte aus geisteswissenschaftlichem Gebiet und unterstützen so Bereiche, die es aktuell in Brasilien besonders schwer haben. Prof. Dr. Sebastian Thies ist hier mit Projekten wie „Wertewelten“ oder an der Universidade Federal Fluminense (UFF) aktiv.

Grußwort von Frau Kukowski-Schulert (Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst). Auf dem Monitor: Marja Kukowski-Schulert, MWK. Am Tisch: (von li.) Johannes Kärcher, Ehrensenator, Rektor Engler, brasilianischer Generalkonsul José Mauro Couto.

Nachhaltigkeit im Fokus
Auf allen Ebenen und in allen Belangen wird bei der Arbeit des Brasilien-Zentrums besonderer Wert auf Nachhaltigkeit gelegt. Seit 2003 wird sehr erfolgreich ein biennales Symposium mit diesem Titel organisiert, alternierend in Baden-Württemberg oder Brasilien. Nachhaltigkeit wird hier im breiten Sinne verstanden: Technologie- und Wissenstransfer, Verstetigung von Projekten und Initiativen und – ganz wichtig – die Förderung wissenschaftlicher Karrieren durch Austausch. So gibt es inzwischen viele zumindest partiell in Deutschland ausgebildete Doktoranden/Postdocs/Professoren in Brasilien.

All das war nur möglich durch die nachhaltige Förderung des Brasilien-Zentrums durch das Ministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst (MWK). Marja Kukowski-Schulert vom MWK würdigte bei der Jubiläumsfeier das Erreichte, insbesondere das Thema Nachhaltigkeit und die Breite der Aktivitäten, betonte aber auch, dass es kein Ausruhen auf dem Erreichten geben kann. Vielmehr sollen Konzepte zur Weiterentwicklung erarbeitet werden, auch unter Einbeziehung des Tübingen Interdisciplinary Centre for Global South Studies. Auch der DAAD war dem Brasilien-Zentrum ein nachhaltiger Partner. Gemeinsam wurden Roadshows und Bildungsmessen veranstaltet. Wesentliche Teile des Austausches wurden durch Programme des DAAD gefördert. Dr. Martina Schulze, langjährige Leiterin der DAAD-Außenstelle in Rio de Janeiro und aktuell Leiterin des DAAD-Büros in Bogotá, Kolumbien, spannte bei der Feier den Bogen weit und entwickelte die Vision eines „BLZ“, eines Brasilien- und Lateinamerikazentrums. Vergleichbares gibt es mit dem BAYLAT bereits in Bayern.

Die langjährigste Begleiterin Tübingens und des Brasilienzentrums ist die PUCRS. Der Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Dr. Draiton de Souza, war aus Porto Alegre, RS, angereist und berichtete unter anderem über das jüngst vom DAAD finanzierte Zentrum für Deutschland- und Europastudien in Brasilien (CDEA) an seiner Universität. Ebenfalls in Präsenz konnten wir Generalkonsul José Mauro Couto begrüßen, der über die Anstrengungen Brasiliens im Umweltschutz berichtete.

Prof. Dr. Stefan Laufer

Quelle: Universität Tübingen