Digitale Welt: neue Szenarien für den Arbeitsmarkt

© iStockphoto

Das digitale Zeitalter beeinflusst den Arbeitsmarkt und die Routine der Berufstätigen in vielen Bereichen; deswegen müssen die Menschen darauf vorbereitet werden, in diesem digitalisierten Universum zu leben und zu arbeiten. 

Die Umwandlung und Weiterentwicklung der Berufe

Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich der Arbeitsmarkt hauptsächlich aufgrund des digitalen Zeitalters verändert, ist es nicht übertrieben zu behaupten, dass viele Berufe, wie wir sie heute kennen und ausüben, bereits der Vergangenheit angehören. Alles weist darauf hin, dass in nahliegender Zukunft Dutzende der heute bekannten beruflichen Aktivitäten nicht mehr existieren und andere neu geschaffen werden, um dem veränderten Bedarf des Markts zu entsprechen. Und alle diese Veränderungen haben eine gemeinsame Ursache: die 4. Industrielle Revolution. Dieses Konzept, das erstmals während der Hannover-Messe 2011 auftauchte, ist eng verbunden mit sogenannten intelligenten Fabriken, die sich auf digitale Technologien wie Internet der Dinge, Big Data und künstliche Intelligenz stützen. Während auf der eine Seite viele Menschen glauben, dass die menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt werden wird, bekräftigen andere, es handele sich dabei nur um eine Umwandlung und Weiterentwicklung der Berufe.

7. Deutsch-Brasilianischen Dialogs – „Arbeiten und lernen in einer digitalen Welt”

Die zunehmende Digitalisierung in vielen Sektoren und die damit verbundenen Herausforderungen unterstreichen die Wichtigkeit einer Debatte über Tendenzen und unterschiedliche Forschungsmethoden auf diesem Gebiet. Ein Beitrag zu Diskussion über diese neue Realität war das Thema des diesjährigen 7. Deutsch-Brasilianischen Dialogs über Wissenschaft, Forschung und Innovation – „Arbeiten und lernen in einer digitalen Welt”. Die im Oktober 2018 realisierte Veranstaltung, bei der 15 deutsche und brasilianische Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten über die wichtigsten Anpassungsszenarien für die Arbeitskraft an das digitale Zeitalter diskutierten, wurde gemeinsam vom Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo (DWIH São Paulo) und der Stiftung zur Forschungsförderung des Landes São Paulo (Fapesp) organisiert.

Unter vielen Projektionen und Zweifeln, welche Sektoren vom Verlust von Arbeitsplätzen am stärksten betroffenen und welche Berufe „überleben” werden, waren sich alle anwesenden Spezialisten in einem Punkt einig: es ist unabdingbar, die Bürger darauf vorzubereiten, in einer digitalisierten Welt zu leben und zu arbeiten, und ein großer Anteil dieser Aufgabe fällt den jeweiligen Regierungen zu, die gehalten sind, entsprechende öffentliche Maßnahmen zu ergreifen.

Die grundlegende Rolle öffentlicher Maßnahmen

Ganz in diesem Sinne hob der Keynote Speaker dieser Veranstaltung, Hartmut Hirsch-Kreinsen von der TU Dortmund, gleich zweimal die grundlegende Rolle öffentlicher Maßnahmen im Hinblick auf die im Umfeld der Digitalisierung entstandenen wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen hervor. „Die öffentliche Politik muss die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, Universitäten, wissenschaftlichen und politischen Institutionen, Vereinen, Gewerkschaften und der Zivilgesellschaft fördern, um Industrie 4.0 umzusetzen. Es fällt ihr zudem die Rolle zu, besonders den Unternehmen, die sich gegen eine Veränderung ihrer Betriebsweise noch resistent zeigen, eine neue Sichtweise im Hinblick auf Industrie 4.0 zu vermitteln. Außerdem müssen die Politiker den Wissenstransfer von ,High-Tech-Unternehmen’ zu ,Low-Tech-Unternehmen’ stimulieren, besonders im Umfeld von kleinen und mittelständischen Unternehmen”, betonte Hirsch-Kreinsen.

Neben diesen Zuweisungen tritt der Professor dafür ein, dass Regierungen und Gesellschaft eine Debatte über die mit Industrie 4.0 verbundenen Herausforderungen führen sollten und spricht sich für eine Freigabe des technologischen Potenzial aus, die allen Teilen der Gesellschaft zugute kommt.

Deutschland X Plattform Industrie 4.0

„In meinem Land übernimmt der Staat historisch eine grundlegende Rolle bei der Festlegung einer Prioritätenagenda sowie bei der Forschungs- und Entwicklungspolitik. Aus diesem Grund wurde auch die Plattform Industrie 4.0 lanciert, die Tendenzen und relevante Entwicklungen auf dem Verarbeitungssektor identifizieren und miteinander in Verbindung setzen soll, um ein allgemeines Verständnis im Bezug auf Industrie 4.0 zu schaffen”, erläuterte Hirsch-Kreinsen, der auch Mitglied des wissenschaftlichen Rats der Plattform Industrie 4.0 ist, die Bedeutung, die der Staat in Deutschland als leitende Kraft auf den Übergang zur Digitalisierung einnimmt. „In meinen Augen müssen bei der Festlegung einer Agenda außerdem auch Unternehmen und Gewerkschaften einbezogen werden, denn beide sind Partner und einflussreiche Kräfte.”

Meinungen, wie man mit der Digitalisierung im Arbeitsumfeld umgehen soll:

„Vielen der am 7. Deutsch-Brasilianische Dialog teilnehmenden Spezialisten zufolge werden Maschinen bestimmte Aufgaben in verschiedenen Arbeitsbereichen übernehmen, aber nicht alle. Die Digitalisierung ändert die Arbeitsplätze, aber sie schafft sie nicht ab. Außerdem spricht man von neuen Berufen wie Sustainable Manager, Data Miner, Online Reputation Manager, um nur einige zu zitieren. Priorität dieser neuen Realität muss sein, wirtschaftliches Wachstum, soziales Wohlergehen und neue Geschäftsmöglichkeiten zu garantieren.”
Martina Schulze, Leiterin des DWIH São Paulo
„Die Umwandlungen sind mit zwei großen Herausforderungen verbunden: da gibt es einerseits eine Unausgewogenheit zwischen den kurzfristig verlorenen Arbeitsplätzen und der auf lange Frist zu schaffenden neuen Stellen. Außerdem existiert eine Divergenz zwischen den benötigten Fähigkeiten für die zu ersetzenden Aufgaben und dem angestrebten Kompetenzprofil für die neugeschaffenen Arbeitsplätze. Um diese Kluft zu verkleinern, müssen intensive Maßnahmen zum Training und zur Entwicklung der neuen Kompetenzen in allen Arbeitsbereichen eingeleitet werden.”
Hartmut Hirsch-Kreinsen, Professor der TU Dortmund
„Die Tatsache, dass sich diese Technologien noch im Anfangsstadium befinden und ihren Reifeprozess noch nicht abgeschlossen haben, erklärt auch die große Schwierigkeit, die tatsächlichen Auswirkungen zu erfassen. Die zur Verfügung stehenden Zahlen sind vollkommen uneinheitlich. Es gibt Studien, die den Verlust von vielen Millionen Arbeitsplätzen voraussehen, andere kommen zu dem Schluss, dass die verlorengegangenen Stellen ausreichend durch neue ersetzt werden.”
Glauco Arbix, Forscher des Innovationsobservatoriums der Universität São Paulo (USP)

Mehr zum Thema Innovatives Arbeiten

Magazin „Deutsch-Brasilianischer Dialog über Wissenschaft, Forschung und Innovation” (2019– Nr. 07) ist bald für Sie Verfügbar!