Sozial benachteiligte Gruppen sind am stärksten von Covid-19 betroffen

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Die vom DWIH São Paulo geförderte virtuelle Debatte präsentierte wissenschaftliche Perspektiven aus Brasilien und Deutschland im Hinblick auf die Krankheit und ihre Folgen

Menschen mit niedrigen Einkommen und sozial benachteiligte Gruppen sind von den aufgrund der Coronavirus-Pandemie angeordneten Maßnahmen zur sozialen Isolation am stärksten betroffen. In vielen Ländern wurde die Leistungsfähigkeit der öffentlichen Gesundheits- und Sozialsysteme sowie die Führungskraft ihrer Regierungschefs in Frage gestellt. Als Folge erlebt die Welt eine Verschärfung der sozialen Ungleichheit.

Dies sind die wichtigsten Schlüsse, die sich aus den Beiträgen der deutschen Wissenschaftlerin Susanne Moebus, Leiterin des Instituts für Urban Public Health (InUPH) am Universitätsklinikum der Uni Duisburg-Essen, und der brasilianischen Forscherin Jéssica Farias, Doktorandin in Sozial-, Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Brasília (UnB), ziehen lassen, die am Mittwoch, den 26. 08, bei der vom Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) São Paulo organisierten Online-Veranstaltung „Living: social behaviour, public health and social inequality during quarantine” (Leben: soziales Verhalten, öffentliche Gesundheit und soziale Ungleichheit während der Quarantäne) präsentiert wurden.

Die beiden Wissenschaftlerinnen stellten die Ergebnisse ihrer jeweiligen Forschungsarbeiten über die Folgen der aufgrund der Pandemie angeordneten Quarantäne vor. Moebes berichtete, wie sich Covid-19 auf das städtisch-öffentliche Gesundheitssystem auswirkt und bereits vorhandene Ungleichheiten noch verstärkt. Farias wiederum präsentierte die Ergebnisse einer von ihr zwischen dem 31. März und dem 3. April durchgeführten Erhebung zu den Beweggründen der Menschen, die Regeln der sozialen Isolation nicht einhalten.

Die zweite Ausgabe der Sonderserie DWIH São Paulo Online Talks zum Thema „Surviving, Living and Shaping the Future in the Time of Covid-19” (Überleben, Leben und Gestaltung der Zukunft in der Zeit von Covid-19) hatte zum Ziel, verschiedene Aspekte der Pandemie aus wissenschaftlicher Perspektive zu diskutieren. An der Debatte, die von Professor Marcos Buckeridge, Direktor des Biowissenschaftlichen Instituts der Universität São Paulo (IB-USP), moderiert wurde, nahmen auch der Leiter des DWIH São Paulo, Jochen Hellmann, sowie DWIH-Koordinator Marcio Weichert teil.

Jéssica Farias und Susanne Moebus mit dem Professor Marcos Buckeridge

Grundlegende Gesundheitsbedingungen

Die deutsche Wissenschaftlerin sprach, bevor sie auf die Entwicklungen von Covid-19 einging, über die falschen Vorstellungen, die viele Menschen im Hinblick auf den Begriff Gesundheit haben. Nach Ansicht der Leiterin des InUPH bedeutet Gesundheit viel mehr als nicht krank zu sein. „Gesundheit ist ein grundlegendes Menschenrecht und für die wirtschaftliche Entwicklung von wesentlicher Bedeutung”, zitierte sie eine Erklärung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 1997.

Daher darf sich die Debatte über die Folgen der gegenwärtigen Pandemie laut Moebes nicht nur mit der Krankheit selbst befassen, sondern muss auch soziale, wirtschaftliche, psychologische und sogar pädagogische Aspekte berücksichtigen. Für die Expertin für öffentliche Gesundheit ist die Sichtweise eines Antagonismus zwischen Gesundheit und Wirtschaft irreführend, da ein Ökosystem vom anderen abhängt. Es sei kein Zufall, dass die sozial am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen am meisten unter dieser Pandemie litten.

„Covid-19 kontaminiert hauptsächlich Menschen, die in benachteiligten Wohngebieten leben, denn die ärmsten Menschen verfügen nicht einmal über die grundlegenden Voraussetzungen für eine angemessene Gesundheit, wie einen würdigen Wohnort, Bildung und ein geregeltes Einkommen”, betont Moebes. Für die deutsche Wissenschaftlerin ist das Umfeld, in dem die Menschen leben, ein wichtiger Aspekt für die Messung ihrer Gesundheitsbedingungen.

„Je mehr Gesundheitsrisiken bestehen – schlechte Wohnverhältnisse, Arbeitslosigkeit, Zugang zu minderwertigen Nahrungsmitteln – desto schwieriger ist es für den Einzelnen, gesund zu bleiben,” bekräftigt die Wissenschaftlerin, die ihren Beitrag mit einem Bild der sozialen Ungleichheit in São Paulo unterstrich – eine Luxuswohnanlage im Stadtteil Morumbi mit Swimmingpools auf den Balkons von allen Wohnungen direkt neben der Favela Paraisópolis. Moebes zeigt anschaulich, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infizierung mit dem neuen Coronavirus oder einer anderen Krankheit auf der Paraisópolis-Seite deutlich größer ist, als in den Häusern der reichen Nachbarn.

Präsentation der Susanne Moebus

Quarantäneverweigerer

Menschen mit niedrigem Einkommen, Unterstützer von rechten Politikern und Personen mit geringer Toleranz gegenüber für sie nicht nachvollziehbaren Fakten sind die drei wichtigsten Gruppen von Quarantänegegnern in Brasilien, die in der von Jéssica Farias durchgeführten Erhebung ermittelt wurden. Diese Gruppen unterstützen ein geringes Engagement für restriktive Quarantänemaßnahmen. Laut einem vom Unternehmen Inloco entwickelten Index wurde bereits am 22. März, in den ersten Tagen der von den Landesregierungen verordneten sozialen Isolation, ein Höchststand der Akzeptanz von 62,2% erreicht. Seitdem ist der Index ständig gefallen. Experten weisen darauf hin, dass der ideale Prozentsatz bei 70% liegt.

„Wir haben festgestellt, dass die Bevölkerung mit niedrigem Einkommen eher dazu neigt, die soziale Isolation nicht zu befolgen. Eine mögliche Erklärung ist, dass die Ärmsten nicht in der Lage sind, zu Hause zu bleiben. Sie hatten keine sicheren Arbeitsplätze, geschweige denn Angespartes für Notlagen. Diese Menschen müssen arbeiten, um zu überleben und ihre Rechnungen zu bezahlen”, erläutert Farias.

Die Forscherin weist darauf hin, dass ihre Erhebung in der Anfangsphase der sozialen Isolation in Brasilien durchgeführt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die von der Regierung gewährte Nothilfe noch nicht freigegeben worden, was die Neigung der Bevölkerung mit niedrigem Einkommen erklären könnte, „gegen die Isolationsregeln zu verstoßen”. Das Forschungsergebnis muss daher unter den zu diesem Zeitpunkt gegebenen Voraussetzungen interpretiert werden.

Der Zeitaspekt muss auch bei der zweite Gruppe der Quarantäneverweigerer, die rechte Politiker unterstützen, einbezogen werden: „Länder wie die USA und Brasilien, in denen die Präsidenten eine konservative rechtsgerichtete Politik verfolgen, wurde zu Beginn der Pandemie von Seiten der Regierung nicht die notwendige Unterstützung für Maßnahmen zur sozialen Isolation geleistet. Da das Problem von den jeweiligen Regierungen nicht ernst genommen wurde, zeigten die Anhänger dieser Politiker auch kein Verständnis für die Quarantäneregeln”, analysiert Farias das Forschungsergebnis.

Für die Wissenschaftlerin empfinden viele Menschen das Bedürfnis, einer Gruppe angehören und am Ende teilweise sogar unbewusst den Regeln dieser von ihnen gewählten Gruppe zu folgen. Aus diesem Grund glaubt sie, dass die Weigerung, Quarantäneregeln zu befolgen, teilweise unreflektiert erfolgte. Mit anderen Worten, sollten die Anführer ihren Standpunkt ändern, würde die Gruppe der Unterstützer dasselbe tun.

Der dritte in der Forschung beobachtete Aspekt war die geringe Toleranz gegenüber nicht nachvollziehbaren Fakten. „Es handelt sich um einen eher psychologischen Aspekt, der eng mit Angst verbunden ist. Menschen, die mit ungewissen Szenarien nicht sehr gut umgehen können, neigen auch dazu, die Quarantäne zu verletzen “, erläutert Farias.

Die Forscherin hebt auch die Bedeutung von Regierungsentscheidungen hervor, die auf der Grundlage dieser Entdeckungen getroffen wurden, wie z. B. Einkommenstransferpolitik, Unterstützung von Politikern für restriktive Maßnahmen und psychologische Unterstützung für die Bevölkerung.

Die Aufnahme der Veranstaltung ist verfügbar unter bit.ly/2DSPOT-gravado.

Weitere Informationen zur DWIH São Paulo Online Talks-Reihe

Ziel dieser von DWIH São Paulo geförderten virtuellen Veranstaltungen ist, Themen im Zusammenhang mit der Pandemie zu diskutieren, und sich dabei insbesondere mit den Herausforderungen im Hinblick auf das Überleben der Krankheit, die Anpassung von Menschen und Gesellschaft an die Isolation und den Aufbau der Zukunft nach der Pandemie zu befassen.

Bei der Eröffnung der Veranstaltung hob DWIH-Leiter Jochen Hellmann die Bedeutung wissenschaftlicher Debatten über die Folgen von Covid-19 hervor. „Ich bin überzeugt, dass die Wissenschaft zu einem besseren Verständnis dieser Probleme beitragen kann, mit denen wir täglich konfrontiert sind”, bekräftigte Hellmann.

Jedes Treffen in der Reihe behandelt eines der Themen: „Surviving, living e shaping the future” (Überleben, Leben und Gestaltung der Zukunft) und zählt auf die Teilnahme von brasilianischen und deutschen Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten. Die Veranstaltungen finden über die Plattform Adobe Connect statt (http://daad.reflact.com/dwihsponlinetalks). Die offizielle Sprache der Veranstaltungen ist Englisch. Die nächste Ausgabe ist für den 14. September geplant.