Bildung, Forschung sowie soziale und politische Umstrukturierungen sind Voraussetzungen zur Verhinderung von Gewalt

© Marcio Weichert/DWIH São Paulo

Um die Radikalisierung von Konflikten, die die Gesellschaft weltweit bedrohen, zu verstehen und zu diskutieren sowie Wege zur Verhinderung von Gewalt aufzuzeigen, präsentierten Experten aus Deutschland und Brasilien im Rahmen des 8. Deutsch-Brasilianischen Dialogs über Wissenschaft, Forschung und Innovation ihre Fachkenntnisse und Forschungsergebnisse. Bildung, die Umstrukturierung des sozialen und politischen Systems sowie die Schaffung von Perspektiven auf der Grundlage von Forschung und Wissen seien wesentliche Maßnahmen, um das derzeitige Szenario von Gewalt und Radikalisierung zu ändern und die Gesellschaft in eine Situation zu versetzen, in der Dialog und Respekt vorherrschen und Unterschiede akzeptiert werden.

Das Nachdenken über eine Gesellschaft ohne Konflikte und Gewalt scheint ein aussichtsloses Unterfangen zu sein. Einige Studien und Forschungsprojekte suchen jedoch nach Beispielen und Lösungen, um diese in allen Ländern und Kontinenten mit ihren jeweiligen Besonderheiten existierende traurige Realität abzumildern. Auf der Suche nach Antworten auf die Konflikte, die die Gesellschaft bedrohen, und Lösungen, die zur Prävention von Gewalt beitragen können, fand am 30. und 31. Oktober in São Paulo der 8. Deutsch-Brasilianische Dialog über Wissenschaft, Forschung und Innovation mit dem zentralen Thema „Radicalization and Violence: Perspectives and Prevention Approaches” statt.

Die vom Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo (DWIH São Paulo) und der Stiftung zur Forschungsförderung des Landes São Paulo (Fapesp) organisierte Veranstaltung, zu der traditionsgemäß Experten aus beiden Ländern eingeladen werden, wurde von über 115 Teilnehmern besucht, die nicht nur über die neuesten Forschungsergebnisse zu diesem Thema in Kenntnis gesetzt wurden, sondern auch die Gelegenheit erhielten, mit den Referenten einen Dialog auf hohem Niveau über die angesprochenen Themen zu führen.

An der Eröffnung des Dialogs 2019 nahmen Fapesp-Präsident Marco Antonio Zago, der designierte Direktor des DWIH São Paulo und des Regionalbüros des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Rio de Janeiro, Jochen Hellmann, sowie der deutsche Generalkonsul in Sao Paulo, Axel Zeidler, teil. „Unsere Partnerschaft mit Fapesp bildet eine wichtige Kooperations- und Wissensplattform zur Verbindung und Förderung der deutsch-brasilianischen Wissenschaft, Innovation und Forschung. Aus dieser Partnerschaft entstand der Dialog, der eine internationale Interaktion zwischen Wissenschaftlern und Forschern aus beiden Ländern ermöglicht und zum Fortschritt der Weltwissenschaft beiträgt”, betonte Hellmann. Zago wiederum wies darauf hin, dass der Dialog für Forscher aus beiden Ländern eine Gelegenheit biete, sich zu treffen, Ideen auszutauschen und auf der Grundlage von Wissenschaft und Innovation eine Plattform für Zusammenarbeit und Fortschritt zu gestalten.

Für Zeidler haben Brasilien und Deutschland immer interessante und wichtige Themen zu bieten. „Die diesjährige Ausgabe der Veranstaltung widmet sich einem brandaktuellen Thema, das im Hinblick auf seinen sozialen, politischen und kulturellen Charakter erörtert werden muss. Dieser Geist der Zusammenarbeit bildet die Basis für unsere Forscher, Universitäten und Institutionen zur gemeinsamen Suche nach Ergebnissen und Innovationen auf diesem Gebiet“, bekräftigte der Generalkonsul.

Mit 115 anwesenden Teilnehmern im Publikum, war der Saal gut gefüllt

Keynote-Redner Julian Junk vom Friedensforschungsinstitut Frankfurt (HSFK), der zum ersten Mal Brasilien bereiste, ging in seinem Vortrag „Radicalization and Violence – Insights from Germany and Europe“ der Eskalation von Konflikten und Gewalt auf den Grund. Junk betonte, dass dieses Thema an sich nicht neu sei und auch keine neue Bedrohung darstelle, aber nachhaltige und umfassende Vorbeugemaßnahmen gegen den Extremismus erfordere. Meinungsverschiedenheiten sollten nicht immer gleich als Bedrohung bewertet werden, Radikalisierung könne unter Umständen auch als wichtiger Hebel für den sozialen Fortschritt dienen. Ein Problem entstehe jedoch, wenn Intoleranz und Hass zur Anwendung von Gewalt führten, um kulturelle, soziale und politische Ziele durchzusetzen. „Wenn Radikalisierung zu Gewalt führt, ist ihr Beitrag für die Gesellschaft völlig destruktiv. Wenn jedoch Erneuerungen ohne gewalttätige Auswirkungen ermöglicht werden, kann Radikalisierung als Instrument für Innovation und neue Gelegenheiten dienen”, erklärte der Friedensforscher. In seinem Vortrag bot Junk auch Erkenntnisse über Gewalt und die Radikalisierung von Konflikten, sowohl bei Einzelpersonen als auch bei Gruppen sowie in ihren verschiedenen Kontexten und Umgebungen (online und offline). „Diese Diskussion hat eine neue Ebene und Dimension erreicht, nicht nur im Hinblick auf den sozialen und politischen Bereich selbst, sondern auch in Bezug auf die virtuelle Szene.”

Esther Solano von der Landesuniversität São Paulo (Unifesp) leistete unter dem Titel „Understanding socio-political hate in Brazil” einen Beitrag zur aktuellen gesellschaftspolitischen Lage Brasiliens. Brasilien, das auf der Grundlage einer ungleichen Gesellschaft errichtet worden sei, erlebe derzeit einen „bolsonaristischen Tsunami“. Es handele sich dabei um ein Phänomen, das mit unkontrollierter Kraft über das Land hereingebrochen sei und Momente des Hasses und der Gewalt verschärfe, die durch den virtuellen Bereich noch verstärkt würden. „Soziale Netzwerke intensivieren dieses Szenario und erweisen sich als Plattform, um Anhänger für Bewegungen und Aktionen zu gewinnen, die häufig im Hass verwurzelt sind.”

Lilia Schwarcz, Professorin am Institut für Anthropologie der Universität São Paulo (USP), sprach als Keynote-Rednerin des zweiten Veranstaltungstages zum Thema „Past and present: violence and authoritarianism in Brazil”. Schwarcz lieferte einen Überblick über die Geschichte sowie die aktuelle Situation in Brasilien und berichtete von einem Land, das von Vorurteilen, sozialer Ungleichheit, Mangel an Bildung und fehlenden Möglichkeiten geprägt ist. „Es fällt sehr schwer, an den brasilianischen Rechtsstaat zu glauben. Obwohl wir seit über 30 Jahren in einer Demokratie leben, wird das aktuelle Szenario diesem Begriff nicht gerecht. Demokratie strebt nach Verbesserungen für die Gesellschaft, aber leider zeigen die Szenen der Gewalt und des Autoritarismus, die wir in Brasilien erleben, das Gegenteil. Wenn wir genauer hinschauen, ist Brasilien nach wie vor ein Land, das einen Autoritarismus widerspiegelt, der zu Konflikten, Gewalt und Todesfällen führt. Wenn die politischen Entscheidungsträger Hand in Hand mit den Forschern arbeiten würden, gäbe es eine echte Chance, mit dieser Situation umzugehen und so viele unnötige Todesfällen zu vermeiden”, kommentierte Schwarcz.

Die Prävention von Gewalt und Konfliktradikalisierung mit Erfolgsbeispielen aus Deutschland mit seiner langen Tradition in der Friedens- und Konfliktforschung stand im Mittelpunkt des Vortrags von Thomas Fischer von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), ebenfalls Keynote-Redner des zweiten Tages. „In Deutschland gibt es einen Trend zur Friedens- und Konfliktprävention, unterstützt von Universitäten und Institutionen, die im Hinblick auf Forschung und Initiativen zusammenarbeiten. In diesem Zusammenhang liefert der deutsche Wissenschaftsrat seine Erkenntnisse als Leitfaden für Forschung, Qualifizierung, Lehre und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie als Plattform für Vernetzung und Zusammenarbeit”, erläuterte Fischer.

Die Prävention von Gewalt und Konfliktradikalisierung mit Erfolgsbeispielen aus Deutschland mit seiner langen Tradition in der Friedens- und Konfliktforschung stand im Mittelpunkt des Vortrags von Thomas Fischer von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), ebenfalls Keynote-Redner des zweiten Tages. „In Deutschland gibt es einen Trend zur Friedens- und Konfliktprävention, unterstützt von Universitäten und Institutionen, die im Hinblick auf Forschung und Initiativen zusammenarbeiten. In diesem Zusammenhang liefert der deutsche Wissenschaftsrat seine Erkenntnisse als Leitfaden für Forschung, Qualifizierung, Lehre und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses sowie als Plattform für Vernetzung und Zusammenarbeit”, erläuterte Fischer.

Hans-Christian Jasch, vom Haus der Wannsee-Konferenz

Für den Bereich Kultur und Bildung berichtete Hans-Christian Jasch vom Haus der Wannsee-Konferenz über die von seiner Institution entwickelten Aktivitäten, die auf der Bewahrung der Erinnerung als Grundlage für die Gegenwart aufbauen. „Die Erinnerung lebendig zu halten und sich dabei auf Wissen und Geschichte zu stützen, bietet in gewisser Weise den Nährboden für Bildung. Deutschland entwickelt in diesem Sinne politische Aktivitäten, die sich mit der Vergangenheit, der öffentlichen Geschichte, der Erinnerungskultur und der Friedenspädagogik befassen. Diese Faktoren tragen zum Erfahrungs- und Wissensaustausch bei und schaffen eine optimale Verbindung mit der Gegenwart.”

Mit Blick auf die Rolle von Gefängnissen und polizeilicher Gewalt berichtete Camila Nunes Dias von der Staatlichen Universität ABC (UFABC) von den in den letzten zehn Jahren erzielten Forschungsergebnissen über das Anwachsen der kriminellen Organisation PCC in den Gefängnissen von Sao Paulo sowie ihre Auswirkungen auf die Grenzregionen, insbesondere auf den illegalen Drogenhandel. „In den Gefängnissen aller brasilianischer Bundesstaaten sind kriminelle Gruppen entstanden, die direkt auf die Dynamik von Gewalt und Kriminalität im Land einwirken. PCC ist zweifellos die am besten organisierte und strukturierte dieser Gruppen und zählt zu den Hauptakteuren der kriminellen Wirtschaft Südamerikas. In diesem Sinne ist das Gefängnis ein Produktions- und Reproduktionsraum für die Artikulation krimineller Netzwerke.”

Markus-Michael Müller von der Freien Universität Berlin befasste sich ebenfalls in seinem Vortrag „Institutional Radicalization: How tough on crime policies can strengthen Latin American street gangs” mit dem Strafvollzugssystem. Seiner Ansicht nach muss sich die Reflexion über die Ursachen der Radikalisierung und der Gewalt in Lateinamerika auch mit der Rolle von Gefängnissen als Brutstätten doppelter Radikalisierung befassen. Gefängnisse in der Region seien als vernachlässigt, schlecht finanziert und überlastet bekannt. „Ein Aspekt des Unsicherheitsszenarios in Lateinamerika sind in akademischer und politischer Hinsicht die Strafvollzugssysteme dieser Region. Kriminelle Gruppen schlagen Kapital aus dieser Situation und machen Gefängnisse zu idealen Orten für die Rekrutierung und Radikalisierung gewöhnlicher Gefangener wobei sie deren Sozialisierung in einer bestimmten Kultur der Gewalt ausnutzen, wie im Fall von Straßenbanden.”

Im Hinblick auf die Gewaltprävention glaubt Müller, dass man der gegenseitigen (politischen und kriminellen) Radikalisierung mit vorbeugenden Maßnahmen entgegenwirken und einen wichtigen Ausgangspunkt schaffen könnte, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen und die Sicherheitslage in Lateinamerika nachhaltig zu verbessern. Die Anthropologin Schwarcz sieht in der Bildung die Grundstrategie für die Gewaltprävention, insbesondere in Brasilien. „Ich glaube, dass nur Bildung das Potenzial hat, Beweggründe für Intoleranz und Ungleichheit zwischen uns zu eliminieren”, betonte Schwarcz.

Alba Zaluar von der Landesuniversität Rio de Janeiro (UERJ) setzt ebenfalls auf Bildung und restriktive Sicherheitsmaßnahmen sowie auf sportliche, künstlerische und kulturelle Projekte, die jungen Menschen im Hinblick auf Zugehörigkeit und Einkommen Alternativen bieten können. Es bestehe die Notwendigkeit, das Schulsystem zu ändern, damit nicht so viele junge Menschen die Schule bereits in der Grundschule oder vor Abschluss der Oberstufe verlassen. „Diese Änderung ist entscheidend, um eine Ausbildung an technischen Hochschulen und Universitäten zu ermöglichen und folglich den Zugang zu einem Arbeitsmarkt mit mehr Alternativen und besseren Gehältern zu eröffnen. Neben der Erforschung, Kontrolle und Beschränkung des Waffenhandels sind daher große öffentliche Investitionen in die Ausbildung junger Menschen erforderlich. Die Bildung muss den Zivilisationsprozess wieder aufnehmen, der in den letzten Jahrzehnten einen großen Rückschlag erlitten hat. Darüber hinaus sollte die dringende und absolut notwendige Reform unserer Polizeikräfte oberste Priorität haben”, bekräftigte Zaluar, die an der ersten Debatte als Keynote-Rednerin mit dem Vortrag „Vicious circles in public security and the increase of crime in Brazil” teilnahm.

Neben Thomas Fischer bildeten die Moderatoren der Podiumsdiskussionen Sérgio Adorno und Vitor Blotta vom USP-Zentrum für Gewaltstudien (NEV) sowie Stefan Kroll vom Friedensforschungsinstitut Frankfurt (HSFK), der die Keynote-Sessions leitete, das wissenschaftliche Komitee des deutsch-brasilianischen Dialogs über Wissenschaft, Forschung und Innovation 2019.

Jeweils am Ende der beiden Veranstaltungstage fanden kurze Fragerunden mit Vertretern von Förderagenturen statt. Am 30. Oktober sprachen Vertreter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Fapesp über Programme zur Förderung der wissenschaftlichen Zusammenarbeit. Am 31. Oktober informierten die oben genannten Institutionen neben der Alexander von Humboldt-Stiftung über individuelle Stipendien. Lesen Sie hier eine Nachricht der DFG über dieses Thema.

Die Veranstaltung wurde in Partnerschaft mit dem DAAD, dem deutschen Außenministerium, USP (Universidade de São Paulo), Unicamp (Universidade Estadual de Campinas) und Unesp (Universidade Estadual Paulista) durchgeführt. Das Event erhielt dabei auch die Unterstützung der Brasilianischen Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaft (SBPC), der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Heinrich-Böll-Stiftung Rio de Janeiro, des deutsch-brasilianischen Ingenieurverbands (VDI-Brasilien), des Goethe-Instituts und des Maria Sibylla Merian Center Conviviality-Inequality in Latin America (Mecila).

Von Ana Paula Katz Calegari