Deutsch-brasilianisches Symposium in Tübingen verknüpft Forscher im Dienste der Nachhaltigkeit

Der Begriff ‚Nachhaltigkeit´ gehört schon seit langem zu unserem Alltag. Heutzutage sind das Nachdenken und die Diskussionen über dieses Thema notwendiger und grundlegender denn je für eine nachhaltige menschliche, technologische und wissenschaftliche Entwicklung.

Vor diesem Hintergrund fand das Deutsch-Brasilianische Symposium zur nachhaltigen Entwicklung, das alle zwei Jahre abwechselnd in Brasilien und Deutschland stattfindet, vom 20. bis 23. März 2024 zum 11. Mal statt, diesmal an der Universität Tübingen, Deutschland. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, bei der es um wesentliche Fragestellungen und die aktuelle Forschung rund um das Thema “Towards a Resilient and Safe Future” ging, standen Diskussionen über Resilienz, Wertschöpfung, Nahrungssicherheit und angemessenen Zugang zu Wasser.

Das Baden-Württembergische Brasilien- und Lateinamerika-Zentrum war zusammen mit der Universität Hohenheim und der Universität Leuphana (Lüneburg) für die Organisation der Veranstaltung verantwortlich. Mit rund 120 Teilnehmern, von denen mehr als die Hälfte Brasilianer waren (63), erfüllte die Veranstaltung ihr Ziel als wichtige Plattform für den inter- und transdisziplinären Austausch, die Forscher aus beiden Ländern mit unterschiedlichem wissenschaftlichem Hintergrund und aus verschiedenen Bereichen zusammenbrachte.

Die Wissenschaftsstiftung des Staates São Paulo (Fapesp) und die Bundesagentur für die Qualifizierung von Hochschulpersonal (Capes) beide Finanzierungspartner des Symposiums, spielten eine Schlüsselrolle bei der Förderung der Teilnahme von fast 20 brasilianischen Wissenschaftler:innen, die die Möglichkeit hatten, Erfahrungen und Know-how auszutauschen, ihre Forschung zu präsentieren und sich mit anderen Wissenschaftler:innen zu vernetzen. „Es gibt wenige Gelegenheiten, bei denen ich eine multidisziplinäre Diskussion mit Akteuren aus verschiedenen Universitäten und Ländern erleben konnte. Das 11. deutsch-brasilianische Symposium war eine einzigartige Erfahrung, die mir einen breiteren Blick auf aktuelle Probleme ermöglichte, deren mögliche Lösungen sich aus einer multidisziplinären Diskussion ergeben, wie zum Beispiel die Ernährungssicherheit. Die Teilnehmenden wurden herzlich von einer charmanten Stadt und einer lebendigen Universität aufgenommen “, fügte Prof. Dr. Niels Câmara (Universität São Paulo/Fapesp) hinzu.

Bei der Eröffnung sprachen Prof. Dr. Peter Grathwohl (Prorektor für Forschung und Innovation der Universität, Prof. Dr. Rui Opperman (Direktor für Internationale Beziehungen, Capes) – und Prof. Dr. Marco Antônio Zago (Präsident der Fapesp). Im Mittelpunkt der Reden stand die langjährige Partnerschaft zwischen Brasilien und Deutschland, insbesondere zwischen Capes und Fapesp und der Universität Tübingen, die zu Fortschritten in Wissenschaft und Forschung sowie zur Förderung wichtiger Projekte und Partnerschaften geführt hat.

Vier Hauptthemen bestimmten den Verlauf der Tagung: Resilience and Adaptation for Sustainable Agri-Food Systems (A), Strengthening Resilience by Drug Development and Innovative Medical Treatments (B), Green Innovation and Circular Economy for Life and Food (C), Human Resilience and Climate Justice (D). In ihrem Kontext und mit dieser inhaltlichen Ausrichtung bot die Veranstaltung durch Plenar- und Sektionsvorträge viele Informationen und einen Wissensaustausch in eineanregenden und angenehmen Ambiente. Während der Diskussionsrunden genossen die Teilnehmer:innen eine aktive und partizipative Atmosphäre, die eine Verbindung zwischen den Themen ermöglichte.

Evelyn Araripe (Wissenschaftlerin und Projektmanagerin, UFSCar/Leuphana) hob als Moderatorin der zentralen Diskussionsrunde, Towards a Resilient and Secure Future” die Relevanz der Veranstaltung hervor: „Was ich an diesen internationalen Treffen

wirklich schätze, geht über den Austausch von Expertenwissen hinaus. Es ist die Gelegenheit, mit einer multidisziplinären Gruppe engagierter Menschen zusammenzukommen, die bereit sind, die heutigen Klima- und Nachhaltigkeitsherausforderungen anzugehen und neue Wege vorzuschlagen, um die Zukunft durch Wissenschaft, Kultur, Technologie und soziale Interaktionen zu gestalten.“

Eine positive Überraschung in Bezug auf die Anzahl und die Qualität der Forschungsarbeiten bot die ‚Poster Session‘ in der Nachwuchswissenschaftler:innen vielfältige und interessante Projektepräsentierten. Darüber hinaus bot sich in diesem Rahmen den Teilnehmern:innen besonders die Möglichkeit, sich auszutauschen, sich einzubringen und neue Kontakte zu. Lara Oberdá, Master-Studierende im Studiengang ‚Sustainable Development‘ an der Universität Brasilia (UnB), und Teilnehmerin an der Poster Session,erklärte im Anschluss ihre Motivation: „Es war eine bereichernde Erfahrung, da ich andere Beiträge kennenlernen, mit einem vielfältigen Netzwerk von Forschern in Kontakt treten und auf die Bedeutung unseres Cerrado für verschiedene Umweltthemen aufmerksam machen konnte, sogar für der Erhaltung des amazonischen Regenwaldes, die bei Veranstaltungen dieser Art immer so heiß diskutiert wird.“

Während des Symposiums wurde auch der Veranstaltungsort für das nächste Symposium der Reihe bekannt gegeben. Im Jahr 2026 wird die Veranstaltung in Brasilien, in Belém, Pará, stattfinden wo sie von der Bundesuniversität Pará (UFPA) ausgerichtet werden wird.

Zur offiziellen Website des 11. Deutsch-brasilianischen Symposiums zur nachhaltigen Entwicklung klicken Sie hier!

Die Themen der Veranstaltung näher beleuchten!

Die Hauptreferent:innen der thematischen Sektionen gaben ein Interview. Sie erläuterten, wie wichtig es sei, die behandelten Themen in den Mittelpunkt der Diskussionen zu stellen:

Dr. Georgia Jordão (Universität Brasília) Keynote A

“Obwohl ausreichende Ernährung ein von den Vereinten Nationen seit 1948 anerkanntes und erklärtes Menschenrecht ist und die kommerzielle Landwirtschaft noch nie so viele Nahrungsmittel produziert hat, wächst die Zahl der Menschen, die Hunger leiden, überall auf der Welt. Nach der COVID-19-Pandemie, als sich die Armutszahlen auf breiter Grundlage verschlechterten, sind schätzungsweise 700 Millionen Menschen von Hunger betroffen (FAO, 2023). Verschärft wird dieses Szenario durch das prognostizierte Wachstum der Weltbevölkerung und die Notwendigkeit, bis 2050 rund 10 Milliarden Menschen zu ernähren, was eine um 50 % höhere Nahrungsmittelproduktion als derzeit erfordert (LECK et al., 2015). Angesichts der Verschärfung extremer Klimaereignisse und ihrer sozioökonomischen

Schäden sowie des Rückgangs der landwirtschaftlichen Produktivität (MISSELHORN et al., 2012) ist ein Nachdenken über die Umgestaltung der Lebensmittelsysteme unerlässlich, um die Zunahme sozialer Ungleichheit und multidimensionaler Armut sowie den Verlust der biologischen Vielfalt einzudämmen und die menschliche Gesundheit zu fördern.

Prof. Dr. Ricardo Abramovay (Universität São Paulo) Keynote C “Die heutige Welt hat eine obsessive Beziehung zur technologischen Innovation entwickelt, die sie eher zu einem Zweck als zu einem Instrument macht. Das Silicon Valley ist der sinnbildliche Ausdruck dieser Obsession, die mit der digitalen Revolution das menschliche Zusammenleben völlig verändert hat. Dadurch wird jeder von uns nicht mehr nur zum Benutzer seiner Geräte, sondern zum Rohstoff, aus dem diese Geräte entstehen und immer entscheidendere Dimensionen unseres Lebens bestimmen, angefangen bei unserem staatsbürgerlichen und politischen Leben. Das Leben und die Nahrung als Ziel der technologischen Expansion zu definieren, ist eine (wenn auch noch zaghafte) Form des Aufbegehrens gegen diese Bewegung, die mit der künstlichen Intelligenz und ihrer Anwendung bei der Erstellung von Videos, die eine nichtexistierende Realität simulieren, ihren Höhepunkt erreicht.

Prof. Dr. Angela Oels (Universität Augsburg) Keynote D

„Die Lösung der Klimakrise ist eine Frage von Klimagerechtigkeit. Während viele Länder des globalen Südens zu Recht auf die hohen historischen Treibhausgas-Emissionen der Industrieländer zeigen, erwartet der globale Norden immer mehr Mitwirkung der reicheren Länder des globalen Südens beim Klimaschutz. Die globale Bestandsaufnahme auf der Klimakonferenz von Dubai (COP28) hat gezeigt, dass das Ziel, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2°C, möglichst 1,5°C zu begrenzen, mit den derzeitigen Klimazielen und -maßnahmen nicht mehr erreichbar ist. Es braucht sowohl mehr Anstrengung beim Klimaschutz als auch Maßnahmen zur Erhöhung der Klimaresilienz im Angesicht der Klimafolgen, aber auch Gelder für erlittene klimabedingte Schäden und Verluste. Hier gehen die Vorstellungen zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden weit auseinander, wer welchen Beitrag zu leisten hat. Daher ist es so wichtig, dass auf dem German-Brazilian Symposium eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Wissenschaftler: innen aus dem globalen Süden und dem globalen Norden, also Brasilien und Deutschland stattfindet.“