Die Anwendung von künstlicher Intelligenz zur Überwindung von Hemmungen beim Erlernen einer Fremdsprache

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Gabriela Marques-Schäfer, die für den Wettbewerb Falling Walls – Breakthroughs of the Year in der Kategorie Digitale Bildung nominiert wurde, spricht über die Entwicklung einer App (ChatClass), mit der das Erlernen der deutschen Sprache optimiert werden soll.

Falsche Aussprache von Wörtern in einer anderen Sprache, Fehler in der Grammatik oder Pausen mitten im Satz, weil man das Wort in dieser Sprache vergessen hat – das sind ganz normale Situationen beim Erlernen einer Fremdsprache. Aber wie die Professorin für Deutsch als Fremdsprache an der Landesuniversität Rio de Janeiro (UERJ), Gabriela Marques-Schäfer, zu berichten weiß, bremst diese Angst, Fehler zu begehen, den Verlauf des Unterrichts in der neuen Sprache – insbesondere bei Erwachsenen. „Diese Hemmungen existieren bei vielen Leuten, die eine Sprache lernen”, bekräftigt die Professorin.

Wie Marques-Schäfer aus eigener Lehrpraxis weiß, ist dieses Gefühl der Unsicherheit und des Unbehagens bei vielen Schülern so groß, dass sie es vorziehen, zu schreiben als mit dem Lehrer in der Fremdsprache zu sprechen. Um diese Barriere zu überwinden, kam die Wissenschaftlerin auf die Idee eine App zu entwickeln (ChatClass), mit der Menschen mit intelligenten Maschinen in einer Fremdsprache sprechen können.

„Der mit künstlicher Intelligenz funktionierende Chatbot dieser App führt eine Art Vermittlung durch, um die Aussprache des Schülers zu bewerten. Das Feedback kommt von der Maschine, der Lehrer greift nur auf Anfrage des Schülers ein”, erklärt die Professorin. „Diese Methode verringert bei den Schülern die Angst Fehler zu machen.”

Marques-Schäfer will dieses System der künstlichen Intelligenz anwenden, um die Aussprache beim Erlernen der deutschen Sprache zu verbessern. Die Wissenschaftlerin erläutert, dass es diesbezüglich auf dem Markt bereits Bestrebungen gibt, Lösungen für den Unterricht der englischen Sprache zu finden, aber noch keine Initiative für Deutsch als Fremdsprache.

Die Idee der Professorin wurde ausgewählt, um am deutschen Wettbewerb „Falling Walls – Breakthroughs of the Year“ in der Kategorie „Digitale Bildung” teilzunehmen. Marques-Schäfer wurde eingeladen, im Rahmen dieser Veranstaltung an einer Sondersitzung mit Markus Witte, dem Gründer der Online-Sprachlernsoftware Babbel, teilzunehmen.

Gabriela Marques-Schäfer

Lernen für das ganze Leben
Marques-Schäfer sagt, dass ihre Idee über den bloßen Einsatz von Technologie hinausgeht. Die Schüler zum Sprechen anzuregen, auch wenn der Gesprächspartner nur eine Maschine ist, erfordert Kreativität im Konzept der App. „Die Herausforderung besteht darin, unterhaltsame Aktivitäten zu erstellen, damit sie auch außerhalb des des Unterrichts mehr Zeit damit verbringen Deutsch zu sprechen”, betont sie.

Der Deutschlehrerin zufolge bringen Fragen wie „Was hast du heute gemacht?” und „Was hast du gestern gegessen?” kaum jemanden dazu, sich mit der Sprache zu befassen. Man muss sich von diesen abgedroschenen Floskeln lösen und eine aufregendere Dynamik mit Fragen schaffen, wie „Was war die beste Reise, die du jemals in Ihrem Leben unternommen hast?” oder „Was war das schlechteste Essen, das du jemals bei jemandem zu Hause essen musstest?”

Derzeit lebt die Akademikerin in Deutschland und arbeitet an der Universität Gießen als Beraterin im Bereich des Sprachunterrichts. Sie sieht bereits die Möglichkeit, dieselbe Technologie und Lehrmethode beim Erlernen von Portugiesisch als Fremdsprache anzuwenden. Die Professorin beabsichtigt, innerhalb derselben App ein Menü zu entwickeln, mit dem Deutsche Portugiesisch lernen können.

Marques-Schäfer hofft, deutsche Studenten, die Portugiesisch lernen möchten, und Brasilianer, die Deutsch lernen wollen, zusammenzubringen und Interaktionen zwischen ihnen zu fördern: „Wir könnten Aufgaben ausarbeiten, bei denen sie miteinander verbunden sind und sich gegenseitig ein Feedback geben können”. Die Technologie könne nach ihrer Ansicht als eine Art Brücke dienen, um die Paare zwischen Brasilien und Deutschland zu verbinden, aber die Vermittlung würde weiterhin vom Chatbot durchgeführt.

Für Marques-Schäfer ist das Erlernen einer Sprache eine lebenslanger Vorgang. Um das Niveau der Sprachkenntnisse beizubehalten, sei eine regelmäßige Anwendung der Sprache erforderlich, und zwar in einem Umfeld ohne Druck, Ängste und Vorurteile. „Wenn wir Technologien verwenden können, um zu kommunizieren, zu spielen und zu interagieren, können wir sie auch dafür verwenden, um in einer anderen Sprache zu sprechen”, bekräftigt die Professorin zum Abschluss.