Wie kann das Interesse und Vertrauen der Menschen in die Wissenschaft geweckt werden

Bei einem Runden Tisch des DWIH São Paulo mit der brasilianischen Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaft (SBPC) diskutieren Brasilien und Deutschland Barrieren, innerhalb und außerhalb der akademischen Mauern, und wie man besser mit der Gesellschaft kommunizieren kann.

Nach den Regeln der Kommunikationstheorie muss man bei der Veröffentlichung einer Information immer auf den Empfänger und das Format achten mit dem die Nachricht übertragen wird (den Code). Diese beiden Elemente werden jedoch nicht immer respektiert, was zu zwei zeitgenössischen Kommunikationsphänomenen führt. Zum einen zu den sogenannten „Fake News“, den gefälschten oder falschen Nachrichten und zum anderen zur “Infodemie”, dem Informationüberschuss. Die Ursachen, Folgen und Möglichkeiten zur Vermeidung dieser Fehlinformationen, insbesondere im wissenschaftlich-akademischen Umfeld, standen im Mittelpunkt des digitalen Runden Tisches zum Thema Herausforderungen der Vermittlung von Wissenschaft an die Gesellschaft, der am 02. Dezember durchgeführt wurde.

Die vom DWIH São Paulo und SBPC geförderte Veranstaltung brachte Wissenschaftler aus Brasilien und Deutschland zusammen, um Kommunikationsbarrieren mit der Bevölkerung innerhalb und außerhalb der akademischen Mauern zu erörtern.

In Brasilien haben viele wissenschaftliche Mitteilungen während der Pandemie den sozialen Kontext, die Polarisierung und die Vertrauenskrise in die Institutionen nicht berücksichtigt. Die Bevölkerung erhielt generische Nachrichten wie „Tragen Sie Ihre Maske“ oder „Bleiben Sie zu Hause“. Diese Ausdrücke können jedoch insbesondere im brasilianischen Kontext mehrere Bedeutungen haben“, betonte einer der Diskussionsteilnehmer des Runden Tisches, Yurij Castelfranchi, außerordentlicher Professor am Institut für Soziologie der Fakultät für Philosophie und Humanwissenschaften (FAFICH) der Bundesuniversität Minas Gerais (UFMG).

Der Wissenschaftler zeigte eine Diashow von Indigenen, die an isolierten Orten im brasilianischen Biom Masken trugen sowie von Favela Bewohnern, die sich einen winzigen Raum teilten. In diesem Zusammenhang stellte der Akademiker die Durchsetzungskraft dieser Art von Werbung in Frage. „Diese Botschaften wollten das Vertrauen in die Wissenschaft stärken, aber sie funktionierten nicht. Zu diesem Zeitpunkt hätten die Menschen eine andere Art der Kommunikation, eine andere Art des Engagements gebraucht“, betonte Castelfranchi.

Nach Ansicht des Sozialwissenschaftlers ist das Vertrauen der Brasilianer in Wissenschaft, Wissenschaftler und öffentliche Universitäten im Allgemeinen sehr gut. „Das brasilianische Volk vertraut Wissenschaftlern mehr als jedem anderen sozialen Akteur“. Was in Brasilien passiert ist laut dem Professor auf einen Informationsmangel zurückzuführen, der angetrieben durch Polarisierung und politischen Hass, Ignoranz erzeugt. Ergebnis: Die Einhaltung von Kampagnen gegen die Ausbreitung des neuen Coronavirus in Brasilien waren gering.

Professor Yurij Castelfranchi.

Übersetzung der Nachricht
Für die Professorin Dra. Paula-Irene Villa Braslavsky vom Institut für Soziologie und Gender Studies der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) ist die korrekte Übersetzung von Informationen zwischen akademisch-wissenschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Welt der Schlüssel zu einer flüssigeren Kommunikation zwischen diesen beiden Akteuren.

„Es macht keinen Sinn eine Reihe wissenschaftlicher Veröffentlichungen naçh akademischer Vorlage herauszubringen und zu glauben, dass die breite Öffentlichkeit an dieser Art der Lektüre interessiert sein wird. Die akademische Logik ist für das breite Publikum in der Regel sehr komplex“, erklärte Braslavsky. Die Professorin verteidigt die Ansicht, dass man dem Durchschnittsbürger die Wissenschaft mit dem Benutzen von Kommunikationsinstrumenten näher bringen sollte. Dazu nennt sie die Presse und soziale Medien, da dieser sich damit besser identifizieren könne.

Sie erinnert daran, dass die Medien ihre eigene Logik und Zeit haben sich mit unterschiedlichen Zielgruppen auseinanderzusetzen und dass dies bei der wissenschaftlichen Verbreitung von Informationen berücksichtigt werden muss. Daraufhin wägt die Wissenschaftlerin das innewohnende Problem dieses Themas ab: „Wie lässt sich wissenschaftliche Komplexität in einen einfachen und direkten Dialog übersetzen?“ Laut der Akademikerin gibt es nicht viele Studien die sich mit dem Thema befassen, was diese Übersetzung zu einer echten Herausforderung macht. Braslavsky beendete ihre Präsentation, indem Sie die Bedeutsamkeit weiterer Studien zu diesen Kommunikationsbrücken zwischen den beiden Welten nahelegt.

Plurale und durchsetzungsfähige Kommunikation
Kommunikationslücken treten nicht nur zwischen Wissenschaft und Gesellschaft auf. Diese Informationslücken bestehen auch zwischen verschiedenen sozialen Gruppen. In ihrem Vortrag auf der virtuellen Veranstaltung verteidigte Viola van Melis, Koordinatorin des Zentrums für Forschungskommunikation des Forschungsclusters Religion und Politik an der Universität Münster (WWU), die Annahme, dass bei Lärm in der Kommunikation zwischen verschiedenen sozialen Akteuren Konflikte auftreten.

Zu diesem Zweck möchte das von Melis koordinierte Forschungszentrum, der Gesellschaft Forschungen und Studien zur ethnisch-religiösen Vielfalt in Deutschland zur Verfügung stellen. „Wir wollen Dialoge zwischen Politikern und Interessengruppen aller Parteien und Religionen, ideologischen Gemeinschaften und NGOs entwickeln“, erklärte sie.

Deutschland sei laut der Koordinatorin nicht auf religiöse Vielfalt vorbereitet. Angesichts dieser Tatsache bewegen sich politische Debatten in die Richtung von populistischeren Dialogen, was die Vielzahl der Gedanken schwächt. „Religionspolitik kann nicht ignoriert werden, die religiösen Interessen müssen ausgehandelt und aufgebaut werden“, betont sie.

Zu den Maßnahmen des Zentrums zur Verbreitung der religiösen Vielfalt gehört die Schaffung einer Ausbildung im religiösem Journalismus an der Universität München. „Die Idee ist Kommunikationsfachleute darin zu schulen, kritisch und analytisch mit Religion umzugehen“, erklärt sie. Für die Akademikerin ist diese Arbeit sehr wichtig, da die Medien einen großen Einfluß auf die Wahrnehmung der Religion in der Gesellschaft haben.

Der digitale Runde Tisch Herausforderungen der Vermittlung von Wissenschaft an die Gesellschaft wurde von der Professorin Luisa Massarani, Koordinatorin des Nationalen Instituts für öffentliche Kommunikation von Wissenschaft und Technologie (INPT-CPCT), vermittelt. Die Veranstaltung war Teil des Zeitplans für das 72. SBPC-Jahrestreffen, dass dieses Jahr virtuell durchgeführt wurde. Um die Debatte zu verfolgen, können Sie einfach auf den folgenden Link auf YouTube von SBPC zugreifen.

Veröffentlicht am 04.12.2020