Telemedizin eröffnet neue Möglichkeiten im Gesundheitswesen

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Die Medizin hat sich durch die Einführung neuer Technologien grundlegend verändert. Ein Beispiel für diese neue Realität ist die Telemedizin, die bereits für viele Patienten und Ärzte zum Alltag gehört. Obwohl die Fortschritte und Vorteile nicht von der Hand zu weisen sind, ist das Thema nach wie vor Anlass für viele Diskussionen. Ein Projekt in Deutschland spiegelt den Erfolg und die Herausforderungen dieser Technologie wider. Professor Rolf Rossaint von der RWTH Aachen, Experte auf diesem Gebiet, ist Gast des DWIH São Paulo bei der Podiumsdiskussion „Gesundheitswesen“, die im Rahmen des 7. Deutsch-Brasilianischen Innovationskongress veranstaltet wird.

Innovationen weisen neue Wege in der Medizin und ermöglichen unter anderem eine ständige Weiterentwicklung von medizinischen Verfahren, Medikamenten und Beziehungen zu Patienten. Mit ihnen vollziehen wir wichtige Schritte zur Optimierung unseres Gesundheitswesens. In diesem Sinne hat sich auch die Telemedizin weiterentwickelt, was den in diesem Sektor beschäftigten Fachkräften mehr Leistungsfähigkeit und Effizienz ermöglicht und somit mehr Vorteile und Komfort für die Patienten bietet.

„Ich hoffe, dass die Telemedizin in vielen Fällen Wartezeiten in der Arztpraxis verkürzen wird und lange Hin- und Rückfahrten wegen einer Sprechstunde überflüssig macht. Darüber hinaus glaube ich, dass sich durch sie die Gelegenheit bietet, Fachwissen in ländliche Gebiete zu bringen, wodurch gewährleistet wird, dass die dortige Bevölkerung Zugang zu einer angemesseneren Behandlung erhält. Darüber hinaus können diese medizinischen Innovationen dazu beitragen, dass ältere Menschen so lange wie möglich frei und autonom in ihrem gewohnten Umfeld leben können”, bekräftigt Rolf Rossaint, Professor und Leiter der Abteilung für Anästhesiologie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH Aachen), der vom Deutschen Wissenschafts- und Innovationhaus São Paulo (DWIH São Paulo) eingeladen wurde, um bei der im Rahmen des 7. Deutsch-Brasilianischen Innovationskongresses stattfindenden Podiumsdiskussion „Gesundheitswesen” über Telemedizin zu referieren. Die am 2. und 3. Oktober stattfindende Veranstaltung – eine Initiative der Deutsch-Brasilianischen Industrie und Handelskammer in São Paulo (AHK São Paulo), die vom DWIH mitorganisiert wird – hat zum Ziel, innovative Geschäfte aufzuzeigen, die durch aufstrebende Technologien ermöglicht werden.

In einem Interview mit dem DWIH São Paulo äußerte sich Rossaint zu dem Telemedizinprojekt, das seit fünf Jahren in Deutschland unter seiner Leitung umgesetzt wird und bereits mehr als 15.000 Patienten betreut hat. Der RWTH-Professor sprach über Nutzen, Herausforderungen und Erfolgsgeschichten dieses Projekts und bot darüber hinaus einen Überblick über die Neuigkeiten, die wir im Gesundheitswesen noch erwarten können!

  • Wie begann das Projekt „holistic telemedicine system for prehospital emergency care”?

Die ursprüngliche Idee war die Entwicklung einer telemedizinischen Notfallversorgung zur Unterstützung des deutschen medizinischen Rettungsdienstes. Nach Recherchen, die die Realisierbarkeit des Projekts und dessen positive Auswirkungen bei Einhaltung der Richtlinien und Gewährleistung der Patientensicherheit belegten, wurde ein Geschäftsmodell entwickelt. Nach Zustimmung der Krankenkassen und der anderen beteiligten Institutionen wurde das Projekt in der Stadt Aachen von April 2014 bis März 2015 schrittweise umgesetzt.

  • Worin liegen die Vorteile der Telemedizin bei der Erstversorgung in Notfällen?

Das System ist für Diagnose und Ersttherapie bei einer Vielzahl von Notfällen außerhalb von Krankenhäusern ausgelegt. Es besteht aus Hardware- und Softwarekomponenten, die eine sichere Echtzeitübertragung wichtiger Daten über Audios, Fotos und Videos ermöglichen und den Notarzt bei Befund und Therapie unterstützen. Auf diese Weise können alle in den Richtlinien geforderten Diagnosen sowie die empfohlenen therapeutischen Maßnahmen durchgeführt werden. Wenn keine Diagnose gestellt oder eine Therapiekomponente nicht berücksichtigt wird, fragt das System explizit nach, warum dies nicht geschehen ist.

  • In welchem ​​Stadium befindet sich das Projekt derzeit, und welche Ergebnisse bringt diese neue Technologie?

Das System wird derzeit in der Routinebehandlung in Deutschland als strukturelle Ergänzung für den konventionellen Notarzt in der Erstversorgung bei Boden- und Lufteinsätzen verwendet. Bis heute wurden in den ersten fünf Projektjahren rund 15.000 Notfälle auf diese Weise behandelt. Auch bei strikter Einhaltung der Richtlinien wurden keine systemischen Komplikationen festgestellt. Im Gegenteil, wenn man Gesamtheit der Rettungsaktionen zugrunde legt, sank die Anzahl der konventionellen Notarzteinsätze von 35% auf 20%. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit für einen medizinischen Notfall in der Stadt Aachen betrug mit der Verwendung der Telemedizin rund 10 Minuten und im konventionellen Einsatz 53 Minuten, was ein enormes Kosteneinsparungspotenzial aufzeigt. Konventionelle Notärzte werden jedoch weiterhin bei allen Notfällen eingesetzt, die schwerwiegend sind oder bei denen Lebensgefahr besteht.

  • Welche Herausforderungen stellen sich der Telemedizin noch?

Unsere Ergebnisse konnten die dem Telenotarzt gegenüber zunächst sehr kritisch eingestellten Notärzte Deutschlands nach fünf Jahren Routineeinsatz überzeugen. In bestimmten Regionen des Landes gibt es jedoch nach wie vor Schwierigkeiten, entsprechende Systeme einzurichten, da viele Krankenkassen oft noch Zurückhaltung bei der Finanzierung zeigen. Mittlerweile gibt es mehrere Unternehmen, die solche mobilen Telemedizintechnologien anbieten, die jedoch derzeit im Hinblick auf Übertragungsqualität und Zuverlässigkeit noch sehr unterschiedlich sind und den Telenotarzt auch nicht in gleichem Maß softwarebasiert unterstützen.

  • Wie sind die Perspektiven?

Dem Aachener Erstversorgungszentrum für Notfälle sind vier weitere mit Telemedizinsystemen ausgestattete Notaufnahmestellen angegliedert. Andere deutsche Bundesländer befinden sich in der Implementierungsphase.

  • Was ist der wichtigste Aspekt für die Durchführbarkeit der Telemedizin?

Ein Telemedizinsystem für Notärzte muss eine sehr hohe Sicherheit der Datenübertragung aufweisen (> 95%—98%) und gleichzeitig einen softwareunterstützten Telenotarztarbeitsplatz beinhalten, der eine richtlinienkonforme Befunderhebung und Therapie unterstützt. Ich sehe in der Systemzuverlässigkeit und der Softwareunterstützung die wichtigsten Erfolgskriterien für diese Art von System.

  • Welche Rolle spielen neue Technologien derzeit in der Medizin?

Aus meiner Sicht wird insbesondere die fortschreitende Digitalisierung mit ihren Möglichkeiten zur Prozessoptimierung, der Nutzung von Robotik, der Telemedizin und der künstlichen Intelligenz die heutige Medizin revolutionieren. Die Kombination von Digitalisierung und Bildgebung, verbunden mit neuen labortechnisch gewonnenen Parametern und Big Data-Analysen, wird für neue Optionen im therapeutischen und diagnostischen Bereich von grundlegender Bedeutung sein.

  • Wie können innovative Geschäfte im medizinischen Bereich durch neue Technologien entstehen?

Schon werden diese neuen oben genannten Techniken neue Geschäftsfelder im Rahmen der primären Bereitstellung erschließen, darüber hinaus werden aber auch weitere Dienstleistungen durch deren Nutzung in den Bereichen Prävention, Diagnosestellung und Therapie ermöglicht.

  • Was können der Medizinbereich bzw. die Patienten von dieser neuen Realität erwarten?

Die Medizin von morgen wird prozess- und patientenorientierter sein und neue Möglichkeiten zur Senkung der Morbidität und Letalität eröffnen. Gleichzeitig werden zahlreiche gesundheitsbezogene Dienstleistungen entstehen, die sich nicht nur für die Patienten, sondern auch für die Ärzte als nützlich erweisen können.

von Ana Paula Katz Calegari