Brasilianer konkurrieren mit Umwelt- und Sozialprojekten um die Teilnahme am Finale in Berlin

© Eduardo Iunes/DWIH São Paulo

Die aus den Bundesländern Pará und Amazonas stammenden Gewinner werden Brasilien in der Endrunde des Wettbewerbs Falling Walls Lab (FWL) im November in Berlin vertreten. Beide präsentierten in ihren Projekten nachhaltige Alternativen: ein Zement, der die Umwelt weniger belastet und die Verwendung pflanzlicher Moleküle zur Herstellung biologisch abbaubarer Materialien. Die Qualifikationsetappen in Fortaleza und Belo Horizonte zeichneten sich durch ihre wissenschaftliche Vielfalt und viele Neuheiten aus und boten neuen brasilianischen Wissenschaftlern und Forschern auch außerhalb der Achse Rio-São Paulo die Möglichkeit, ihre Arbeit vorzustellen.

Geprägt von zahlreichen bahnbrechenden Ideen wurden am 20. September in Fortaleza an der Bundesuniversität Ceará (UFC) und am 23. September in Belo Horizonte an der Bundesuniversität Minas Gerais (UFMG) die Qualifikationsetappen des Wettbewerbs Falling Walls Lab (FWL) 2019 durchgeführt. Eine große Anzahl an Neuigkeiten, Überraschungen und Sonderpreisen kennzeichnete die fünfte Ausgabe von FWL, wobei das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo (DWIH São Paulo) die Veranstaltung in Belo Horizonte organisierte und die Organisation des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) bei der die Ausscheidung in Fortaleza unterstützte.

Eine Gemeinsamkeit der siegreichen Projekte in den jeweiligen Qualifikationsetappen besteht in den nachhaltigen Alternativen durch die Wiederverwendung bereits vorhandener Materialien und den damit verbundenen positiven Auswirkungen auf das Leben und die Umwelt. Eine weitere Parallele: Beide Sieger stammen aus Nordbrasilien – aus den Bundesländern Pará und Amazonas – und werden Brasilien am 8. und 9. November beim Weltfinale in Berlin vertreten sowie an der Falling Walls Conference teilnehmen. Das Reiseprogramm der Gewinner wird durch Besuche in Forschungseinrichtungen und unternehmerische Aktivitäten ergänzt.

Im Wettbewerb FWL Fortaleza wählte die Jury Micael da Silva zum Sieger, einen Bauingenieurstudenten vom Technologieinstitut der Bundesuniversität von Pará (UFPA), der ein Projekt zur Herstellung eines Zements mit geringerer Umweltbelastung vorstellte, mit dem Ziel, hohe CO2-Emissionen in der Zementindustrie zu vermeiden. Ebenfalls mit Blick auf die Nachhaltigkeit gewann der aus Amazonas stammende Victor Freitas, Professor an der Bundesuniversität von São João del Rei (UFSJ) in Minas Gerais, die FWL-Ausscheidung in Belo Horizonte. Freitas beschäftigt sich mit der Verwendung von pflanzlichen Molekülen zur Herstellung biologisch abbaubarer Materialien, die in zahlreichen Anwendungsgebieten – von der  Produktion von Medikamenten bis zur Automobilindustrie – zum Einsatz kommen können und somit die Abhängigkeit vom Erdöl verringern.

Micael da Silva, vencedor do FWL Fortaleza

„Ich hege große Bewunderung für Deutschland, insbesondere für seine Kultur, die Wertschätzung der Bildung und den wissenschaftlichen Fortschritt. Es ist ein wunderbares Gefühl und eine große Verantwortung, dass mein Projekt ausgewählt wurde, um Brasilien im FWL-Finale in Berlin zu vertreten“, kommentierte Micael da Silva seinen Sieg und nutzte die Gelegenheit, sein Projekt zu erläutern, das nach einer umweltfreundlichen und zukunftsorientierten Lösung sucht: „Ich werde unser Land vertreten, indem ich Strategien vorlege, die zur Verringerung der globalen Erwärmung beitragen, natürliche Ressourcen bei der Zementherstellung schonen und die negativen Auswirkungen des Bergbaus mildern können. Meine Idee ist die Entwicklung eines nachhaltigen Zements mit der Verwendung eines Abfallprodukts, das beim Verarbeitungsprozess von Kaolin anfällt, einer weißen Tonerde, die im Wesentlichen aus Silicium-Aluminiumoxid-haltigen Materialien besteht und in der Papier- und Keramikindustrie sowie bei Farbpigmenten und feuerfesten Materialien häufig verwendet wird. Bei diesem Verfahren entstehen allerdings Abfälle (wie Kaolinschlamm), die in Stau- oder Absetzbecken im Amazonasgebiet abgelagert werden und Umweltbelastungen verursachen. Über die Wärmebehandlung von Kaolinschlamm entsteht ein Material mit reaktiven Eigenschaften, mit dem wiederum Zement hergestellt werden kann, der so gut wie handelsüblicher Zement ist.”

Vitor Freitas, vencedor do FWL Belo Horizonte

Laut Professor Vitor Freitas, der sich schon seit langer Zeit seinem Forschungsgebiet widmet, stärkt diese Anerkennung die Bemühungen, sich für die Nachhaltigkeit in Brasilien und der Welt einzusetzen. „Diese Moleküle finden in unserem täglichen Leben breite Anwendung, beispielsweise in der Kosmetik sowie in Medikamenten, Reinigungsmitteln, Kunststoffen usw. Ziel ist, die Abhängigkeit vom Erdöl, aus dem diese Moleküle heute überwiegend stammen, zu verringern und auf eine Zukunft mit umweltfreundlichen Produkten hinzuarbeiten”, erklärte der Gewinner von Belo Horizonte.

 

 

 

Zusatzpreise — Überraschung für die Gewinner

Marcio Weichert, Programmkoordinator im DWIH São Paulo

In diesem Jahr bietet der DAAD erstmals einigen FWL-Gewinnern weltweit einen auf das Kandidatenprofil zugeschnittenen Bonus an: den Entrepreneurship-Preis. „Sowohl der Preisträger von Fortaleza als auch der Gewinner von Belo Horizonte erhielten diese Auszeichnung, mit der sie ihren Aufenthalt in Deutschland um sieben Tage für eine sogenannte „Innovationswoche” an einer ihrem Wissensgebiet entsprechenden deutschen Universität verlängern können. Das Programm umfasst Networking-Meetings, Pitch-Training, Workshops über Prototyp-Entwicklung und geistiges Eigentum, individuelle Beratung und vieles mehr. Ziel ist, den jungen Forschern ein Maximum an Möglichkeiten vorzustellen, um auf der Grundlage ihrer Forschungsergebnisse ihr eigenes Unternehmen gründen zu können”, erklärte Marcio Weichert, Koordinator des DWIH São Paulo.

Insgesamt hatten sich 103 Personen aus ganz Brasilien für die FWL-Ausscheidungen in Belo Horizonte und Fortaleza beworben. Für die Etappe in Ceará wurden 16 und für den Wettbewerb in Minas Gerais 15 Personen eingeladen. Jeder Teilnehmer stellte seine Idee in einer dreiminütigen Präsentation in englischer Sprache vor. Die Jurys, die sich aus Fachleuten aus Wissenschaft, Presse und dem Innovationsökosystem zusammensetzten, bewerteten die Kandidaten nach drei Kriterien: Wie innovativ ist die Idee, wie tiefgreifend und relevant ist sie, und wie klar und überzeugend war die Präsentation?

Charlotte Grawitz, Vertreterin von EURAXESS Brasilien

Charlotte Grawitz, Vertreterin von EURAXESS Brasilien und Jurymitglied in Belo Horizonte, war überrascht von der Themenvielfalt und der Tatsache, dass die Forscher aus verschiedenen akademischen Phasen (Bachelor, Master, Doktor, Postdoc) kamen. „Auch bei den Preisträgern spiegelte sich diese akademische Vielfalt wider. Dieser Faktor ist wesentlich und ermutigend, da er die Bedeutung der wissenschaftlichen Kommunikation unabhängig vom akademischen Grad des Forschers zeigt. Alle haben ihre Chance.”

 

 

 

 

FWL Belo Horizonte

v.l.n.r.: Maria Clara, Vitor und Júlia

Die Veranstaltung in Belo Horizonte erhielt im Vergleich zu allen anderen Falling Walls Lab-Austragungsorten in Amerika die meisten Anmeldungen (83). Darüber hinaus wurde in der Stadt eine weitere Neuheit eingeführt: der Preis des Publikums. Während der Veranstaltung, die live übertragen wurde, konnten sowohl Internetnutzer als auch das anwesende Publikum den innovativsten Vorschlag auswählen. Mit 33% der über 460 abgegebenen Stimmen ging der Publikumspreis an die Professorin und Forscherin Maria Clara Starling vom UFMG-Department für Sanitär- und Umwelttechnik mit ihrer Idee „Breaking the Wall of Antimicrobial Resistance“ – die Anwendung von oxidativen solaren Prozessen im Kampf gegen die antimikrobielle Resistenz mit dem Ziel, eine kostengünstige Technologie zur Eliminierung von resistenten Bakterien im Abwasser zu entwickeln. Starling belegte zudem den dritten Platz des offiziellen Wettbewerbs.

Den zweiten Platz belegte Julia Cordeiro, ebenfalls von der UFMG, mit dem Vorschlag „Breaking the Wall of landfill leachate treatment“, der sich auf die Aufbereitung von kontaminiertem Wasser infolge unzureichender Entsorgung von nährstoffreichen Rückständen (Stickstoff und Phosphat) konzentriert, darunter Abwasser sowie Sickerwasser aus Deponien und aus der Landwirtschaft. Ziel ist, die Gefahr der Eutrophierung von Gewässern (Konzentration von organischem Material in Gewässern) zu verringern. Es handelt sich dabei um ein globales Problem, das die Existenz von Wasserlebewesen und die menschliche Gesundheit bedroht. Das Projekt ist somit ein Beitrag zur Erhaltung des Wasserlebens und zum Schutz der öffentlichen Gesundheit.

Martina Schulze, Direktorin von DWIH São Paulo und DAAD

„Mich hat das FWL Belo Horizonte sehr stark beeindruckt, nicht nur weil der Wettbewerb erstmals außerhalb von São Paulo stattfand, sondern auch, weil uns dort zahlreiche innovative Vorschlägen geboten wurden, die sich auf gut recherchierte und diversifizierte wissenschaftliche Forschung stützten, während die früheren Ausgaben von der Entwicklung neuer Apps oder anderer virtueller Werkzeuge geprägt waren. Ich möchte auch die Tatsache hervorheben, dass zwei der ersten drei Plätze von Frauen belegt wurden. Ich habe mich über dieses Ergebnis und über die Tatsache, dass das der weibliche Anteil am wissenschaftlichen Unternehmertum in Brasilien immer größer wird, sehr gefreut“, sagte Martina Schulze, Leiterin des DWIH São Paulo und des DAAD, die auch Jurymitglied des FWL Belo Horizonte war.

In der Hauptstadt des Bundeslandes Minas Gerais wurde der Wettbewerb, bei dem die Hälfte der Jury aus weiblichen Mitgliedern bestand, vom DWIH São Paulo in Zusammenarbeit mit dem DAAD organisiert sowie von der UFMG, der Brasilianischen Gesellschaft für industrielle Forschung und Innovation (Embrapii), von EURAXESS Brasilien, vom Sekretariat für Wirtschaftliche Entwicklung (Hauptsitz) des Landes Minas Gerais, von der Staatlichen Forschungsstiftung Minas Gerais (Fapemig) und dem Wissenschaftsverlag Springer Nature gefördert.

FWL Fortaleza

v.l.n.r.: Reseda, Felipe, Micael, Ana Flávia und Marcio.

Die DAAD-Lektorin bei der UFC und Organisatorin des FWL Fortaleza, Dr. Reseda Streb, sprach über die Bedeutung dieser Ausgabe, die Arbeiten und Forschungsprojekten im Norden und Nordosten Brasiliens größere Visibilität verlieh. „Die Durchführung der FWL verstärkt unsere Motivation und die Zuversicht, dass unsere Studenten und Forscher zunehmend Zugang zum brasilianischen Wissenschafts- und Innovationsgeschehen und zur Internationalisierung gewinnen. Die sozialen Auswirkungen der Forschung haben mich überrascht, und ich bin sicher, dass diese Veranstaltung den Forschern Türen öffnen und die Gelegenheit geben wird, weltweit auf sich aufmerksam zu machen. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir in diesem Jahr den Wettbewerb in Fortaleza veranstalten konnten!”

Der zweite Platz des Wettbewerbs in Fortaleza ging an den heimischen Forscher und Doktor der Biotechnologie Felipe de Sousa von der UFC mit dem Vorschlag „Breaking the Wall of biomaterials for wound healing“. Das Projekt befasst sich mit Biomaterialien und zielt darauf ab, den Heilungsprozess chronischer Wunden bei Patienten zu beschleunigen, die über einen großen Zeitraum an ein Krankenhausbett gefesselt sind.

Der dritte Platz ging an die Doktorandin Ana Flávia Laureano von der Bundesuniversität von ABC (UFABC) mit der Idee „Breaking the Wall of Skin Diseases“. Mit dem Vorschlag, Molekularbiologie und Nanotechnologie miteinander zu kombinieren, konzentriert sich das Projekt auf eine Lösung für die fehlende Regulierung des Kallikreins 7 (eines Enzyms im menschlichen Gewebe) die für Hautkrankheiten wie Psoriasis und Netherton-Syndrom verantwortlich ist. Sollte daraus eine Formel/ein Medikament entstehen, könnte das Projekt eine Revolution im Leben vieler Menschen bedeuten, da die derzeitige Behandlung palliativ ist – es gibt weder Heilung noch eine wirksame Behandlung.

In Fortaleza wurde der Wettbewerb vom DAAD in Zusammenarbeit mit dem Deutschen DWIH São Paulo organisiert und von der Bundesuniversität Ceará (UFC), von der Landesuniversität Ceará (UECE), von EURAXESS Brasilien, von der Universität Fortaleza (Unifor), von der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer Ceará (CCIBAC), der Brasilianischen Gesellschaft für industrielle Forschung und Innovation (Embrapii), von der Universität Lusofonia Afro-Brasileira (Unilab) und vom Deutschen Kulturhaus (CCA) gefördert.

Auf dem Weg zum Finale in Berlin

Das DWIH und die Falling Walls Foundation (FWF) finanzieren Micael da Silva und Vitor Freitas den Flug nach Deutschland und ihren dortigen Aufenthalt, damit sie ihre Idee am 8. November in Berlin im Weltfinale mit 100 Teilnehmern präsentieren können. Die drei besten Finalisten des Berliner Wettbewerbs haben die Möglichkeit, ihr Projekt am folgenden Tag auf der Falling Walls Conference vorzustellen. Unabhängig vom Endergebnis in Berlin können die beiden Vertreter aus Brasilien sowie alle anderen 98 Teilnehmer aus anderen Ländern an der Falling Walls Conference teilnehmen. Wissenschaftler von internationalem Ruf werden Vorträge aus der Spitzenforschung vor einem Publikum von weltweit führenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politikern, Kunst und Gesellschaft halten.

Neben dem Wettbewerb und der Konferenz erhalten die brasilianischen Gewinner die Gelegenheit, an Pitch-Trainings und Aktivitäten im Rahmen der Kampagne „Forschen in Deutschland” des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) teilzunehmen sowie Forschungs- und Unternehmenszentren in Berlin zu besuchen.

Dank eines Zusatzpreises von EURAXESS Brasilien haben sie zudem die Möglichkeit, eine Forschungs- oder Innovationseinrichtung ihrer Wahl in einem beliebigen Land der Europäischen Union zu besuchen. Für Grawitz bietet dieser Preis eine Gelegenheit zum Networking und zur beruflichen Weiterentwicklung. „Da EURAXESS die Mobilität von Forschern fördert, wissen wir, dass jemand, der eine Saison in Europa verbringt, die Chance hat, ein Netz von Kontakten zu knüpfen, das sein Arbeitsleben in einzigartiger Weise bereichert. Wir möchten den Gewinnern diese Gelegenheit geben, damit sie neue Möglichkeiten entdecken und ihre Ideen und Forschungen auf internationaler Ebene verbreiten können.”

Über die Falling Walls Foundation

Der Wettbewerb und die Konferenz sind eine Initiative der Falling Walls Foundation, einer gemeinnützigen deutschen Einrichtung, die Forschungs- und Innovationsdiskussionen fördert und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse für ein breites Publikum aus allen Gesellschaftsschichten verbreitet. Die am 20. Jahrestag des Mauerfalls von Berlin gegründete Falling Walls Foundation wurde von diesem historischen Ereignis inspiriert. Die zentrale Frage jedes von der Stiftung geförderten Treffens lautet: Welche werden die nächsten Mauern (von Wissenschaft und Technologie) sein, die einstürzen und die Welt verändern?

Weitere Informationen.

von Ana Paula Katz Calegari