Autonomie und Dialog als die Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Regierung

© DWIH São Paulo

Inspiriert vom 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt organisierte das Deutsche Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo (DWIH São Paulo) mit einem Gemeinschaftsstand die deutsche Präsenz auf der 71. Jahrestagung der Brasilianischen Gemeinschaft für den Fortschritt der Wissenschaft (SBPC), die vom 21. bis 27. Juli erstmals an der Bundesuniversität Mato Grosso do Sul (UFMS) in Campo Grande (MS) stattfand.

Von Ana Paula Katz Calegari. Die Veranstaltung zog über 30.000 Menschen aus allen Bundesländern Brasiliens an, darunter Studenten, Professoren, Wissenschaftler, Politiker und Vertreter der Zivilgesellschaft. Besonderes Interesse weckte dabei neben einem Vortrag über Leben und Werk des deutschen Wissenschaftlers eine Podiumsdiskussion über den Beitrag der Wissenschaft zur öffentlichen Politik. Die Debatte über Erfolgsmodelle und Perspektiven im Hinblick auf die Zusammenarbeit dieser beiden Bereiche zum Wohle des Landes, insbesondere in Krisenzeiten, zeigte auf, dass die Wissenschaft Freiheit und Vertrauen benötigt, um ihre Funktion ausüben zu können. Die Referenten wiesen zudem auf die Wichtigkeit des Dialogs zwischen Forschern und öffentlichen Akteuren hin, um eine effektive Zusammenarbeit zu gewährleisten.

Wissenschaft und Politik: die Notwendigkeit der Unabhängigkeit und die Wichtigkeit des Dialogs

Bei der Podiumsdiskussion mit dem Titel „Wie Wissenschaft zur öffentlichen Politik beitragen kann” diskutierten deutsche und brasilianische Referenten über Erfolgsmodelle, Herausforderungen und neue Horizonte zu diesem Thema. Vor einem Publikum von rund 150 Personen betonten sie, dass die Wissenschaft Unabhängigkeit benötigt und dabei das Vertrauen der Politik braucht, um ihre Rolle erfüllen zu können. Wichtig sei dabei jedoch der Dialog zwischen beiden Seiten, um die Beiträge der Wissenschaft in der Gesellschaft einzubringen zu können.

Christian Sterz, Berater für Wissenschaft und akademischen Austausch an der deutschen Botschaft, eröffnete die Podiumsdiskussion und bekräftigte dabei die Wichtigkeit der Zusammenarbeit dieser beiden Bereiche auf der Suche nach Erfolgsmodellen und guten Praktiken, wobei die Wissenschaft ihren Beitrag zur Politik leisten könne und müsse. Sterz zog eine Parallele zum Leitthema der Teilnahme des DWIH São Paulo an der diesjährigen SBPC-Tagung – das 250-jährige Geburtstagsjubiläum des deutschen Forschers Alexander von Humboldt: „Humboldt war schon damals ein Beispiel dafür, dass Wissenschaft und Politik gemeinsame Vorstellungen und Ziele verfolgen können, ohne auf Konfrontationskurs zu gehen”, kommentierte er die Beziehung des Wissenschaftlers zum preußischen König, dem er als wissenschaftlicher Berater zur Seite stand.

Die deutsche Wissenschafts- und Politiklandschaft war Thema der Beiträge von Kathrin Winkler, Direktorin der Deutschen Forschungsgemeinschaft für Lateinamerika (DFG), und Dagmar Simon, Forscherin am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB). Dabei präsentierten und erläuterten sie ein Modell, das Interdependenz valorisiert und sich für Exzellenz einsetzt.

Winkler beschrieb den Anwesenden anhand der Arbeit der DFG das deutsche Fördersystem, das aufgrund seines autonomen Verwaltungscharakters seiner Rolle gerecht wird, Beiträge der Wissenschaft zur öffentlichen Politik zu ermöglichen. „Organisation und Arbeit der DFG sind weitgehend unabhängig von politischen Prioritäten und Einflüssen. Sie basieren vielmehr auf dem Vertrauen der Politik in ihre Institutionen, Strukturen und Kapazitäten, wodurch die Generierung bedeutender wissenschaftlicher Ergebnisse ermöglicht wird. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Rolle der Forschungsgemeinschaft als Verfechter der Exzellenzstrategie, die zum Ziel hat, die internationale Visibilität der an deutschen Universitäten betriebenen Forschung zu verbessern, das Land als einem Ort der Exzellenz in der Forschung darzustellen und sich somit als attraktive Alternative für Wissenschaftler zu präsentieren”, erklärte die DFG-Leiterin.

Dagmar Simon unterstrich, ebenfalls mit Blick auf das deutsche Modell, die Bedeutung der politischen Autonomie der Wissenschaft mit ihren wichtigsten Institutionen und präsentierte einen Überblick über Arbeit und Funktionsweise des deutschen Wissenschaftsrats, der sich darauf konzentriert, anhand von neuen Zielsetzungen und Herausforderungen innovative Formate für die gemeinsame Wissensproduktion zu suchen. „Wir brauchen eine freie Wissenschaft, die sich über die Suche nach Lösungen und Innovationen artikulieren kann. Auch wenn wir in Deutschland eine starke und funktionierende Struktur haben, wird der Dialog immer wichtig sein, damit wir auch weiterhin Fortschritte erzielen können”, betonte Simon. Sehen Sie hier die Präsentation der Forscherin und Informationen über den Wissenschaftsrat.

Helena Nader, Ehrenpräsidentin der SBPC und Koordinatorin der Debatte, wies darauf hin, dass die derzeitige Situation in Brasilien dem Erfolg einer solchen Beziehung entgegenwirke. „Wir können nicht leugnen, dass es in Brasilien viele Fortschritte in der Beziehung zwischen Wissenschaft und Politik gegeben hat, aber im Moment ist dieser Konsens leider verloren gegangen und das Land bewegt sich in die Gegenrichtung. Wir dürfen uns nicht zurückentwickeln! Der beste Weg ist der Dialog, insbesondere, wenn er sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt und dieses Thema in der Gesellschaft diskutiert wird, so wie wir es heute tun“, argumentierte die Ehrenpräsidentin.

Der ehemalige Wissenschaftsminister Celso Pansera stimmte mit Nader überein, dass öffentliche Stellen zwar immer häufiger auf wissenschaftliche Methoden und Analysen gestützte Studien in Auftrag gäben, bevor sie ihre Strategien definierten, dass man aber in dieser Hinsicht immer noch in der Anfangsphase stehe. Pansera vertrat die Ansicht, man müsse diese Beziehung in allen Bereichen enger und intensiver gestalten. „Öffentlichen Akteuren, insbesondere Politikern, die über die Zuweisung von Haushaltsmitteln entscheiden, Regierungsstrategien festlegen und für die Weiterentwicklung oder Aktualisierung von Gesetzen zuständig sind, muss deutlicher bewusst sein, dass die Wissenschaft in Krisenzeiten, wie wir sie heute erleben, ein wichtiges Werkzeug auf dem Weg zur Überwindung von Problemen ist“, hob er hervor. Als weiteren wichtigen Punkt nannte Pansera das Bestreben, die Wissenschaft im Alltag der brasilianischen Bürger zu verankern und die derzeit vorhandene Distanz zwischen der Mehrheit der Bevölkerung und der Wissensproduktion zu verringern. „Dies wäre ein nützliches Instrument gegen unerklärbare Budgetkürzungen an Universitäten und Forschungsinstituten. Regierungen würden sensibler mit diesem Thema umgehen, wenn sie durch die öffentliche Meinung unter Druck gesetzt würden”, argumentierte der ehemalige Minister und bezog sich auf die aktuellen Kostenreduzierungsmaßnahmen der Regierung im Wissenschafts- und Bildungsbereich.

Zur Bedeutung der Diskussion über solche Themen fügte Winkler hinzu: „Ich glaube, dieser Dialog sollte ständig im Auge behalten werden und sowohl bei nationalen als auch bei internationalen Debatten auf der Tagesordnung stehen. Auf diese Weise können wir demokratische Entscheidungsfindungen bewahren, positive Impulse für eine ausgewogene Forschungspolitik setzen und somit die Basis für eine moderne, nachhaltige und fortschrittsorientierte Gesellschaft konstruieren”, schloss die DFG-Leiterin ab.

Die Podiumsdiskussion wurde auf Video aufgezeichnet und kann hier eingesehen werden!

250 Jahre Inspiration: Alexander von Humboldt

Das Geburtsjubiläum des deutschen Forschers Alexander von Humboldt war das Leitthema des DWIH für die diesjährigen SBPC-Tagung. Professorin Lúcia Ricotta Vilela Pinto von der Universität Unirio stellte am 24. Juli die Arbeit und das Leben des Naturforschers vor, der jahrelang Lateinamerika bereiste und dort die Artenvielfalt der Natur registrierte. 50 Teilnehmer hatten dabei die Gelegenheit, sich über dieses Thema auszutauschen.

Für die Professorin ist der 1769 geborene Humboldt zeitlos. Als Visionär seiner Zeit, sei es als Gesprächspartner und internationaler Entdecker oder als Experte und Vorreiter der Forschung, ist der deutsche Wissenschaftler auch in der Moderne nach wie vor aktuell, so die Forscherin. Ricotta glaubt, dass sich Brasilien intensiver mit seinem Werk befassen sollte, damit sein Fachwissen, dessen Essenz und Weisheit Grenzen und Zeiten überschreite, im Land genutzt werden könne.

„Heute wissen wir, wie wichtig die Verbindung verschiedener Kenntnisse und unterschiedlicher Bereiche in der akademischen Forschung ist. Aber Humboldt hat dieses Prinzip schon damals ganz selbstverständlich in seiner Forschung angewandt – er hat sich immer von der Perspektive der Ganzheitlichkeit und des Universalen leiten lassen. Heutzutage haben wir in den Herausforderungen der Forschung erkannt, wie wichtig es ist, Wissensbereiche zu verbinden und nicht voneinander zu trennen “, betonte Ricotta in ihrem Vortrag über die Zeitlosigkeit von Humboldts Werk und die Inspiration, die von ihm bis in die Gegenwart ausgeht.

Brasilianisch-deutsche Kooperation für Forschung und Wissenschaft

Bereits zum neunten Mal nahm das DWIH an einer Tagung teil, die von der SBPC organisiert wurde. Besonderes Interesse weckte neben dem Vortrag und Podiumsdiskussion auch der DWIH-Gemeinschaftsstand auf der ExpoT&C, an dem die Besucher eine Fotoausstellung des Biologen Rainer Radtke von der Universität Tübingen betrachten konnten. Seit 1989 organisiert und leitet Radtke vierwöchige Studienreisen für deutsche Studenten in Brasilien, bei denen sie die Ökozonen Amazonasgebiet, Cerrado, Pantanal, Caatinga, Mata Atlântica und Pampas kennenlernen. Die Fotografien in dieser Ausstellung sind das Ergebnis einiger der bereits durchgeführten 26 Reisen. Außerdem hatte die deutsche Delegation die Gelegenheit, die indigene Terena-Gemeinde nördlich von Campo Grande zu besuchen.

Gemeinsam mit Vertretern des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), des Bayerischen Hochschulzentrums für Lateinamerika (Baylat), der Leibniz-Gemeinschaft, des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialfortschung (WZB) sowie des Baden-Württembergischen Brasilien-Zentrums der Universität Tübingen (BWBZ) präsentierte das DWIH São Paulo Forschungs- und Fördermöglichkeiten in Deutschland für Studenten und Forscher. „In einer weiteren Ausgabe konnten wir zeigen, wie wichtig es ist, Diskussionen zu fördern, die den Fortschritt von Forschung und Wissenschaft ermöglichen. Unsere Partnerschaft mit der SBPC ist ein Beweis dafür, dass die Zusammenarbeit zwischen Brasilien und Deutschland dazu einen wichtigen Beitrag leistet”, kommentierte Marcio Weichert, Koordinator des DWIH São Paulo.

Auch die SBPC-Ehrenpräsidentin Helena Nader hob die Bedeutung der Partnerschaft mit dem DWIH hervor, die jede Jahrestagung mit Sachthemen bereichere und den Austausch bilateraler Erfahrungen ermögliche. „Kooperationen und Partnerschaften, wie wir sie mit dem DWIH pflegen, lassen uns an bessere Wege für Forschung und Wissenschaft in Brasilien glauben.“ SBPC-Präsident Ildeu de Castro Moreira freute sich über die intensive Beteiligung junger Menschen, was die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft erneuere. „Diese Beteiligung ist von größter Bedeutung, insbesondere im gegenwärtigen Kontext, in dem sich alles in Richtung zu einer dunklen Vergangenheit zu bewegen scheint. Die Aufgabe unserer jährlichen Treffen ist, die Gesellschaft zu einer stärkeren Beteiligung zu ermutigen sowie für eine bessere Zukunft und für ein besseres Land zu kämpfen”, bekräftigte Castro Moreira.

Marcelo Turine, Rektor der UFMS, bedankte sich dafür, dass Campo Grande als Diskussionsplattform für wichtige Fragen des gesellschaftlichen Fortschritts durch Wissenschaft und Innovation gewählt wurde. „Wir sind in Feststimmung, die Leute sind begeistert, und ich kann Ihnen nur für die Gelegenheit danken, Teil dieses wichtigen wissenschaftlichen Ereignisses zu sein, denn die Wissenschaft führt zu Veränderungen!“