11. Deutsch-Brasilianischer Dialog diskutiert Einsatz von KI in unserer Gesellschaft
© Felipe Mairowski
Welche Form von künstlicher Intelligenz (KI) möchten wir? Was sind die ethischen Implikationen von KI im Gesundheitswesen und welche Probleme und Lösungen ergeben sich dadurch in den Geisteswissenschaften sowie in den exakten und Ingenieurwissenschaften?
Diese Fragestellungen bestimmten den 11. Deutsch-Brasilianischen Dialog über Wissenschaft, Forschung und Innovation, der am 7. und 8. Mai in São Paulo stattfand und vom Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) São Paulo zusammen mit der Forschungsförderagentur des Bundesstaates São Paulo (FAPESP) durchgeführt wurde. Im Rahmen der Veranstaltung diskutierten deutsche und brasilianische Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Industrie das diesjährige Thema „Artificial Intelligence: Promises, Expectations, and Limitations in Science and Society“.
Insgesamt wurden vier Themenblöcke behandelt: KI in der Medizin und im Gesundheitswesen, KI in den exakten und Ingenieurwissenschaften, Regulierung der Auswirkungen von KI und ihr Einsatz in den Geisteswissenschaften. Ziel war es, die Folgen dieser Technologie sowie Möglichkeiten zur Abmilderung der negativen Auswirkungen des Einsatzes von KI interdisziplinär zu erörtern.

Für Katharina Fourier, Direktorin des DWIH São Paulo und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Brasilien, ist der Dialog ein Beispiel dafür, wie Wissenschaftsdiplomatie die Gesellschaft bei den Herausforderungen komplexer Zeiten unterstützen kann. „Das Besondere an dieser Veranstaltung ist, dass es hier nicht nur um Technologie geht, sondern auch um damit einhergehende ethische, rechtliche und soziale Aspekte, insbesondere in Bereichen wie Gesundheit und Bildung. Ein solcher Austausch hilft uns besser zu verstehen, was verantwortungsvolle KI bedeutet“, betonte sie.
Hier sind die Video-Übertragungen der Veranstaltung verfügbar

Professor Elisabeth André von der Universität Augsburg hielt im Rahmen der Eröffnung eine Leibniz Lecture, in der sie darlegte, wie KI zur Inklusion und Stärkung von Menschen mit Kommunikationseinschränkungen genutzt werden kann. Das erste Panel befasste sich mit dem Einsatz von KI im Gesundheitswesen und wurde moderiert von Professor Anderson Rocha (Bundesstaatliche Universität Campinas). Paulo Mazzoncini (Universität São Paulo) erläuterte, wie künstliche Intelligenz dazu beitragen kann, Krankheitsverläufe abzuschätzen; Christiane Woopen (Universität Bonn) behandelte die ethischen Folgen von KI-Nutzung im Gesundheitswesen und Thais Melo (Boehringer Ingelheim) beleuchtete die industrielle Perspektive und die Anwendung der Technologie für die Produkte in diesem Bereich.
Der zweite Themenblock wurde von Professor Indira Spiecker gen. Döhmann (Universität zu Köln) moderiert und diskutierte die regulatorischen Herausforderungen des Sektors. Jeanette Hofmann (Freie Universität Berlin), Juliano Maranhão (USP) und Renata Mielli (CGI.br) debattierten gemeinsam mit dem Publikum über die rechtlichen Aspekte der KI-Entwicklung in Deutschland und Brasilien. Im Anschluss stellten Vertreterinnen und Vertreter des DAAD Brasilien, der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Alexander von Humboldt-Stiftung, der FAPESP sowie des DWIH São Paulo Förder- und Kooperationsmöglichkeiten in Forschung und Entwicklung vor. Ein Empfang in der Residenz der deutschen Generalkonsulin am Abend rundete das Programm ab.
Tag zwei: Exakte Wissenschaften, Ingenieur- und Geisteswissenschaften
Der zweite Veranstaltungstag startete mit Diskussionen zum Thema KI in den exakten und Ingenieurwissenschaften mit Moderation von Matthias Epple von der Universität Duisburg-Essen. João Paulo Papa, Professor an der Bundesstaatlichen Universität Paulista (UNESP) befasste sich mit dem Einsatz von maschinellem Lernen, um Ärzte bei der diagnostischen Abgrenzung zwischen Barrett-Ösophagus und Adenokarzinom zu unterstützen.
Anschließend präsentierte Katja Mombaur (Karlsruher Institut für Technologie) Studien zur Entwicklung von Robotern und Exoskeletten und untersuchte, wie diese effizient mit Menschen interagieren können und deren Design und Steuerung so verbessert werden kann, dass sie mehr Mobilität ermöglichen. Willian Beneducci vom Unternehmen Robert Bosch ging auf die Herausforderungen für den Einsatz von künstlicher Intelligenz in deren Projekten ein.
Darauf folgte eine Pitch-Session der vier Startup-Unternehmen Exaia, SleepUp, ArqGen und Harpia AI, die innovative und KI-basierte Projekte vorstellten.
Das Abschlusspanel beschäftigte sich mit den Geisteswissenschaften und beinhaltete Beiträge von Christoph Burchard (Goethe-Universität Frankfurt), Diogo Cortiz (Päpstlich-Katholische Universität São Paulo) und Claudio Pinhanez (IBM Brasilien). Burchard stellte sein Projekt zu Critical Computational Literacy (CCL) vor, das durch das Verknüpfen von computerbasierter Befähigung und kritischer Auseinandersetzung zur Bekämpfung von digitalem Analphabetismus beitragen soll. Cortiz legte Daten zur Konzentration des Ursprungs von KI-Daten und der mangelnden Vielfalt an Sprachen vor, die diese Daten speisen. Pinhanez präsentierte die Initiativen von IBM Brasilien zur Erhaltung der indigenen Sprachen im Norden Brasiliens – wie beispielsweise der Nheengatu-Sprache – mittels künstlicher Intelligenz.
Renata Wassermann (USP), ebenfalls Keynote-Speaker im letzten Themenblock, moderierte das Panel. In ihrem Vortrag analysierte sie das Verhältnis zwischen Menschen und künstlicher Intelligenz und bekräftigte, dass es nicht Ziel von KI-Entwicklung sein sollte, Instrumente zu erschaffen, die von Menschen komplett unabhängige Entscheidungen treffen. Anderson Rocha hielt die zweite Keynote-Speech und regte zum Nachdenken an: Möchten wir eine künstliche Intelligenz, die das Potenzial hat, menschliche Aktivitäten zu ersetzen oder eine erweiterte Intelligenz und KI als Ergänzung zu menschlichem Potenzial und zur Weiterentwicklung der Menschheit?
Der Deutsch-Brasilianische Dialog ist eine Initiative des DWIH São Paulo und der FAPESP. Partner der Veranstaltung sind neben dem DAAD und der DFG außerdem das Auswärtige Amt (AA) und die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer (AHK) São Paulo. Vollständige Informationen zum Profil aller Teilnehmenden der diesjährigen Veranstaltung können über diesen Link eingesehen werden.
Text: Rafael Targino