12. Deutsch-Brasilianisches Symposium: Nachhaltigkeit braucht lokale Stimmen

© DWIH São Paulo

Rund 120 Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelten sich vom 15. bis 19. Juni in Belém zum 12. Deutsch-Brasilianischen Symposium zur Nachhaltigen Entwicklung – einer alle zwei Jahre abwechselnd in beiden Ländern stattfindenden Veranstaltung, die seit 2003 existiert. Unter dem Motto „Responsible Science for a Sustainable Future“ reflektierten brasilianische und deutsche Forschende über die Notwendigkeit einer Wissenschaft, die die Anforderungen der lokalen Bevölkerung in politische Maßnahmen zur nachhaltigen Entwicklung einbezieht.

Das Symposium wurde vom Zentrum für Höhere Amazonasstudien (NAEA) der Bundesuniversität von Pará (UFPA) gemeinsam mit dem Baden-Württembergisches Brasilien- und Lateinamerika-Zentrum der Universität Tübingen, dem Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) São Paulo, der Leuphana Universität Lüneburg und der Universität Hohenheim veranstaltet. Die Wahl von Belém als Austragungsort war bei der vorherigen Ausgabe getroffen worden, die im März 2024 im deutschen Tübingen stattfand. Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einer feierlichen Zeremonie, an der die Rektoren der UFPA, Gilmar Pereira da Silva, und der Bundesuniversität von Süd- und Südost-Pará (Unifesspa), Francisco Ribeiro da Costa, der Direktor des NAEA, Armin Mathis, die Wissenschaftsreferentin der Deutschen Botschaft in Brasília, Nina von Sartori, sowie die Programmreferentin des DWIH São Paulo, Silke Bell, teilnahmen.

Im Anschluss begann die Podiumsdiskussion zum Leitthema der Veranstaltung, moderiert von Christina Peters, Direktorin des Lateinamerika-Büros der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Auf dem Panel diskutierten der Geologe Norbert Fenzl, Professor an der UFPA und Koordinator internationaler Wasserressourcen-Managementprojekte im Amazonasgebiet, die Forscherin Meike Brückner von der Humboldt-Universität zu Berlin und die Prorektorin für Internationale Beziehungen der UFPA, Lise Tupiassu.

Vielfältige Amazonasregionen

Fenzl eröffnete die Debatte mit der Feststellung, dass es nicht „den einen“ Amazonas gebe, sondern vielmehr „vielfältige“ Amazonasregionen mit unterschiedlichen Geografien, Ethnien und Klimazonen. Dies erfordere, dass das Konzept der nachhaltigen Entwicklung an jede lokale Realität angepasst und nicht standardisiert angewendet werde. „Nachhaltige Entwicklung hat für jede dieser Amazonasregionen unterschiedliche Bedeutungen und Bedürfnisse und erfordert andere Herangehensweisen“, sagte er. Er wies auch darauf hin, dass die Forschungsförderung in der Praxis die akademische Freiheit präge, und forderte, dass Maßstäbe für wissenschaftliche Exzellenz die tatsächliche Reichweite des produzierten Wissens bei den untersuchten Bevölkerungen berücksichtigen sollten, anstatt sich nur auf Publikationsindikatoren zu stützen.

Eine verantwortungsvolle Wissenschaft, so Tupiassu, bedeute, diese gemeinsam mit den Gemeinschaften, z.B. Quilombolas und indigenen Bevölkerungsgruppen, zu produzieren. „Wir betreiben Wissenschaft nicht in einem Vakuum. Wir müssen sie gemeinsam aufbauen“, erklärte sie. Die Prorektorin plädierte zudem dafür, dass sich die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit hin zu ausgewogeneren Partnerschaften entwickeln müsse, bei denen die Wissenschaft in einem Szenario zunehmender geopolitischer Polarisierung als Instrument der Diplomatie fungiert.

Das Symposium bot zudem einen Raum für Wissenschaftskommunikation: In einem Workshop zur effektiven und verantwortungsvollen Kommunikation wurde erfolgreiches Engagement mit der Gesellschaft diskutiert. Im Mittelpunkt stand die Notwendigkeit, akademisches Wissen unter Berücksichtigung lokaler Bedürfnisse und durch aktives Zuhören an die Öffentlichkeit zu vermitteln – ganz im Sinne der Forderungen der Experten aus der Eröffnungsrunde. Moderiert von Prof. Fábio Castro vom NAEA, brachte die Diskussionsrunde Fabíola Gerbase, stellvertretende Leiterin und Kommunikation des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) Brasilien, Marcus Emanuel Barroncas Fernandes, Professor am UFPA-Campus Bragança, und Esteban Morera Aparício von der Universität Tübingen zusammen.

Themenschwerpunkte

Neben den Debatten des Eröffnungspanels gliederte sich das wissenschaftliche Programm des Symposiums in vier große parallele Themensitzungen, die verschiedene Wissensgebiete kreuzten, um bereichsübergreifende Lösungen zu finden. Der erste Schwerpunkt befasste sich mit nachhaltigen Agrar- und Ernährungssystemen für eine resiliente Zukunft und diskutierte Konzepte wie Ernährungssicherheit und agroökologische Transformation. Der zweite Bereich erörterte Strategien für Resilienz und Nachhaltigkeit in der Krebsforschung und Medikamentenentwicklung. Der dritte Schwerpunkt widmete sich Entwicklungsalternativen für eine Bioökonomie, die auf dem Schutz der Soziobiodiversität des Amazonas basiert, während der vierte die Grenzen, die Ethik und die realen Möglichkeiten eines verantwortungsvollen Abbaus von Bodenschätzen in der Region in den Blick nahm.

Für Mathis fiel die Bilanz des Symposiums angesichts der breiten institutionellen Reichweite äußerst positiv aus. „Wir hatten rund 120 Teilnehmende. Das ist für uns ein hervorragendes Ergebnis. Die Veranstaltung fand komplett auf Englisch statt, was für die meisten unserer Studierenden keine geläufige Sprache ist, und zudem ist es sehr teuer, aus anderen Regionen Brasiliens nach Belém zu reisen“, resümierte er. Das nächste Symposium wird im Jahr 2028 in Deutschland an einem noch festzulegenden Ort stattfinden.

Text: Rafael Targino