São Paulo Innovation Week: Brasilien und Deutschland identifizieren Synergien für wissenschaftsbasierte Startups

© DWIH São Paulo

Wie wird aus wissenschaftlicher Forschung ein marktfähiges Unternehmen? Und wie können Brasilien und Deutschland durch gegenseitigen Erfahrungsaustausch diesen Weg ebnen? Diese Leitfragen prägten das Panel „From Science to Startup: Ecosystem Perspectives from Brazil and Germany“, das vom Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) São Paulo am 13. Mai im Rahmen der ersten São Paulo Innovation Week (SPIW) veranstaltet wurde. Die vergleichende Diskussion zeigte neue Governance-Ansätze, wegweisende Initiativen und den klaren Willen zu gemeinsamen Projekten auf.

Moderiert von Anja Grecko Lorenz, Programmleiterin des DWIH São Paulo, brachte das Panel hochkarätige Akteure zusammen: Pedro José Marron (Prorektor an der Universität Duisburg-Essen, Mitglied der Universitätsallianz Ruhr und der BRYCK Startup Alliance), Raoul Haschke (Leiter der Transfer- und Innovationsagentur hei_INNOVATION an der Universität Heidelberg, verbunden mit NXTGN) und Katharina Heinrich (verantwortlich für Lateinamerika bei Science & Startups der Berlin University Alliance, Teil von UNITE). Die brasilianische Perspektive beleuchteten Renato Lopes, Geschäftsführer von Inova Unicamp, und André Carlos Busanelli de Aquino, Innovationsdirektor im Ministerium für Wissenschaft, Technologie und Innovation des Bundesstaates São Paulo und Vorsitzender des Innovationsdistrikts São Paulo. Ergänzt wurde die Runde durch Bruno Vath Zarpellon, Geschäftsführer für Geschäftsentwicklung der AHK São Paulo, der den Blickwinkel der Privatwirtschaft und der bilateralen Kooperation einbrachte.

Das Panel bildete zugleich den Auftakt zu einem neuen Schwerpunktprojekt des DWIH São Paulo, das an dieses hohe Potenzial anknüpft und die deutsch-brasilianische Zusammenarbeit im Bereich wissenschaftsbasierter Startups und Deep Tech weiter stärken soll. Zwischen den Experten aber auch durch die DWIH Präsenz auf einem Stand konnten während der dreitägigen São Paulo Innovation Week vielversprechende Kontakte geknüpft und Anknüpfungspunkte identifiziert werden – von institutionellen Akteuren über Investoren bis hin zu jungen Forschenden. In den kommenden Monaten sollen diese Kontakte vertieft und in die Folgeaktivitäten des DWIH mit dem Ziel der Zusammenarbeit eingebunden werden.

Startup Factories

Die deutschen Gäste vereinte ein aktueller Erfolg: Ihre jeweiligen Hochschulverbünde gehören zu drei der bundesweiten Exzellenzprojekte, die als „Startup Factories“ ausgewählt wurden – eine Initiative zur Stärkung regionaler Startup-Ökosysteme und zur gezielten Ausgründung wissenschaftsbasierter Unternehmen. Marron betonte, dass die Stärke des deutschen Modells in der regionalen Spezialisierung und Kooperation statt in isolierten Einzelmaßnahmen liege. „Das Besondere an den Startup Factories ist unser klarer Rahmen für die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft. Für Deep-Tech- und wissenschaftsbasierte Startups ist es enorm schwer, ohne starke akademische Anbindung erfolgreich zu sein – ebenso wie es schwierig ist, wenn man die eigentlichen ‚wunden Punkte‘ der Industrie nicht kennt“, erklärte er.

Heinrich wies darauf hin, dass das deutsche Modell institutionelle Fragmentierungen überwinden könne. Science & Startups sei dafür ein Paradebeispiel, da es aus dem Zusammenschluss der vier großen Berliner Universitäten hervorging und heute eine Startup Factory ist. „Wir haben Spitzenforschende an Universitäten, bei Fraunhofer oder Helmholtz sowie großartige Industrieunternehmen. Aber oft agieren alle in ihren eigenen Silos. Unsere Idee ist es, diese Lücken zu schließen und genau dieses Ökosystem zu schaffen.“ Die Berliner Strategie setze zudem auf niedrige Eintrittsbarrieren: „Wer unsere Programme nutzen möchte, bucht einfach unkompliziert einen Termin. In 15 Minuten klären wir dann, in welcher Phase sich das Gründungsteam befindet.“

Auch Haschke sieht die internationale Ausrichtung als Überlebensfaktor für wissenschaftsbasierte Gründungen. Um den Austausch zu fördern, müssten die Startup Factories sogenannte Soft-Landing-Programme aufbauen. Diese sollen brasilianischen Gründerteams zeigen, dass die Marktchancen die Sprachbarriere bei Weitem aufwiegen. „Noch vor zwei oder drei Jahren waren die USA das absolute Wunschziel. Das ändert sich gerade. Wir blicken nun verstärkt auf den Mercosur, wo europäische Unternehmen viel leichter ins Geschäft kommen können. Das macht den Schritt nach Brasilien für Gründer aus Europa hochinteressant – und umgekehrt.“

Neue Governance und direkte Ansprache

Renato Lopes von der Inova Unicamp plädierte dafür, bürokratische und kulturelle Hürden durch Programme abzubauen, die diejenigen ansprechen, die täglich im Labor stehen. „Wir reden mit den Studierenden, nicht mit den Professoren. Die Studierenden sind diejenigen, die die Dinge ins Rollen bringen“, so Lopes. „Menschen, die gleichzeitig eine akademische und eine unternehmerische Denkweise besitzen, um Spin-offs zu gründen, sind äußerst selten. Ideal wäre es, wenn wir gute akademische Forschung mit jemandem kombinieren könnten, der einen starken Business-Hintergrund mitbringt. Das würde zu erfolgreicheren Unternehmen führen, ist aber etwas, das oft noch fehlt.“

Während diese Mobilisierung direkt in den Laboren ansetzt, erfordert die langfristige Stärkung des Ökosystems eine Makro-Governance. Aquino erinnerte daran, dass Ökosysteme nicht spontan in Institutionen entstehen, die historisch rein auf Lehre und Wissenschaft ausgerichtet sind. Der Innovationsdistrikt São Paulo agiert daher mit Ankerorganisationen, die bestehende wissenschaftliche Einrichtungen vernetzen. „Für unsere Promovierenden gab es bislang oft zwei Wege: die akademische Laufbahn oder die klassische Industrie. Dabei gäbe es im Ökosystem unzählige Positionen für sie – etwa bei Venture Buildern, als Berater oder im IP-Management. Genau diese neue institutionelle Architektur müssen wir aufbauen.“

Zarpellon von der AHK São Paulo hob abschließend hervor, dass die Komplementarität beider Länder unmittelbare Geschäftschancen biete. Große Unternehmen stünden global vor drängenden Herausforderungen wie der Energiewende und Dekarbonisierung und bräuchten schnelle Antworten. Brasilien biete die nötige Dynamik und Skalierbarkeit, um neue Technologien rasch zu testen. „Ich denke, das ist tatsächlich ein perfektes Zusammenspiel“, sagte er. „Wir haben viel Spitzentechnologie und Forschende aus Deutschland. Auf der anderen Seite gibt es in Brasilien eine sehr reife, hochinnovative und kreative Industrie, die in der Lage ist, zu skalieren, Dinge in die Praxis umzusetzen und in die Welt zu tragen. Daher ist das für mich eine absolute Win-win-Situation.“