Fachkräftemangel bremst globale Energiewende: Experten fordern auf der COP30 neue Bildungsstrategien

© Joel Sheakoski

Der Mangel an Arbeitskräften mit „Green Skills“ ist ein entscheidendes Hindernis, das die globale Energiewende verlangsamen könnte. Darauf wiesen Experten am 17. November bei einer Podiumsdiskussion auf der UN-Klimakonferenz (COP30) in Belém hin. Das Panel mit dem Titel „Green Skills and Labor Migration“ analysierte die Rolle von Bildung, Austausch und institutionellen Programmen bei der Entwicklung von Klimakompetenzen.

Organisiert wurde die Veranstaltung als gemeinsame Initiative des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses (DWIH) São Paulo, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und des Heidelberg Center for the Environment (HCE) der Universität Heidelberg.

Die Runde war hochkarätig besetzt: Neben Katharina Fourier (DWIH São Paulo/DAAD Brasilien) und Kira Vinke (DGAP) diskutierten unter anderem Annika Schäfers (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, BMWE), Bernardo Strassburg (IIS Rio), die Journalistin Camila Nobrega (Beyond the Green/FU Berlin), Mônica Cavalcanti Sá de Abreu (Bundesuniversität Ceará – UFC) und Susanne Melde (IOM).

Moderator Max Jungmann (HCE) eröffnete die Runde mit einer Warnung vor den wirtschaftlichen Folgen: „Wir brauchen unterschiedliche Informationsfähigkeiten, unterschiedliche Kommunikations- und Managementfähigkeiten, technisches Wissen, Wissen über Transformation. Wir sehen, dass dies viele verschiedene Sektoren umfasst. Wenn wir also nicht in der Lage sind, Kapazitäten aufzubauen, um Menschen auszubilden, wird der Übergang zur Klimaneutralität verzögert werden. Und es gibt auch Prognosen, dass dies die nachhaltige Entwicklung oder die wirtschaftliche Entwicklung an sich verlangsamen würde.“

Mangel an Arbeitskräften

Kira Vinke von der DGAP betonte, dass der Arbeitskräftemangel viele Länder betreffe. Dies geschehe vor dem Hintergrund einer Debatte über Migrationspolitik in der EU, die den Zuzug qualifizierter Kräfte erschweren könnte. Sie verwies auf eine Studie, wonach allein in Deutschland 216.000 Kräfte im Bereich Solar- und Windenergie fehlen. „Wenn wir uns die sektorübergreifende Arbeitsnachfrage für den Pfad zur Klimaneutralität ansehen, könnte diese Zahl 700.000 Menschen übersteigen. Etwa 40 % der qualifizierten Arbeitskräfte fallen in Berufsgruppen, in denen dieser Mangel besteht“, sagte Vinke.

Die Energiewende hänge aber nicht nur von Akademikern ab, ergänzte Susanne Melde von der IOM. Zwar steige die Nachfrage nach „Green Skills“ einer LinkedIn-Studie zufolge doppelt so schnell wie das Angebot, doch dürfe man Geringqualifizierte nicht vergessen. „Es wäre auch wichtig, auf die weniger qualifizierten Arbeitskräfte zu schauen. Vieles von dem, was wir sehen, sind hochqualifizierte Arbeitskräfte, aber in der Landwirtschaft und anderen Sektoren werden auch weniger qualifizierte Arbeitskräfte benötigt. Allerdings gibt es fast keine Visa oder Programme, zu denen diese Migranten Zugang haben“, so Melde.

Annika Schäfers vom BMWE hob die sozialen Aspekte hervor. Auch wenn der Wandel netto eine erhebliche Zahl neuer Jobs schaffen könnte, müssten Ungleichheiten adressiert werden. „Was wir beobachten, ist eine wachsende Dynamik, über die technische Diskussion zur Energiewende und zum Klimaschutz hinauszugehen und auch die sozialen Aspekte des Übergangs anzusprechen. In Deutschland wie in vielen anderen Ländern ist der Energiesektor weit davon entfernt, geschlechtsspezifisch ausgewogen zu sein. Wir haben mehr Männer als Frauen, die in dem Sektor arbeiten, und Männer verdienen tendenziell mehr als Frauen bei gleichem Qualifikationsniveau“, berichtete sie.

Bildung, Austausch und Forschung als Basis

Katharina Fourier, Leiterin des DWIH São Paulo und des DAAD Brasilien, betonte die zentrale Rolle der Hochschulen. Sie seien der Ort, an dem Strategien in praktisches Handeln übersetzt werden. „Universitäten sind Entscheidungslabore. Durch gemeinsame Lehrpläne und Forschung verbinden sie Klimawissenschaft mit Wirtschaft, Ingenieurwesen, Recht und Sozialwissenschaften und integrieren Nachhaltigkeit in die Art und Weise, wie Wissen geschaffen und angewendet wird. Akademische Mobilität wiederum bietet Zugang zu grünen Chancen und ermöglicht es Studierenden unterschiedlichster Herkunft und Regionen, sich nicht nur an den grünen Wandel anzupassen, sondern ihn auch mitzugestalten. Viele Alumni kehren als Multiplikatoren zurück, modernisieren Lehrpläne, beraten Kommunen oder gründen Unternehmen, die Forschung mit sozialer Innovation verbinden“, sagte sie.

Für Professorin Mônica Abreu, die das Labor für Studien zu Wettbewerbsfähigkeit und Nachhaltigkeit (LECoS) der UFC leitet, müssen Universitäten, auch wenn die Debatte über grüne Kompetenzen dort noch nicht vollständig entwickelt ist, eine Führungsrolle übernehmen und stets die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren suchen. „Die nationalen und internationalen Finanzierungsmechanismen für Wissenschaft, Technologie und Innovation haben in diesem Bereich eine sehr wichtige Funktion als Brücke zur Industrie, indem sie Lösungen entwickeln, technologische Pfade zur Dekarbonisierung integrieren und grüne Kompetenzen nachfragen, wodurch sie helfen können, den technologischen Rückstand Brasiliens zu verringern. Das Schlüsselwort ist ‚Synergie‘: Die Universität kann zusammen mit der Regierung und der Industrie die Brücke auf diesem Weg bilden“, erklärte sie.

Neue Berufe, alte Finanzierungsprobleme 

Bernardo Strassburg vom IIS Rio wies auf ein strukturelles Problem hin: Während Geld für Projekte da sei, fehle es oft an Mitteln für die Ausbildung. „In Brasilien und in zahlreichen multilateralen und bilateralen Kooperationsabkommen gibt es manchmal Finanzierung für fast alles, außer für Wissenschaft und Bildung innerhalb dieser Programme. Wenn eine Zusammenarbeit im Bereich Naturschutz oder Wiederherstellung gestartet wird, ist ein Schlüsselelement für den Erfolg dieser Programme, die richtigen Leute an den richtigen Orten zu haben. Daher muss ein Teil der Finanzierung für die Entwicklung der Wissenschaft, für Informationen, für Entscheidungshilfe-Tools, aber auch für die Ausbildung der Menschen, die diese Politik später ausführen, reserviert werden“, forderte er.

Doch während Finanzierung und Technologie nötig seien, dürfe man diejenigen nicht vergessen, die die Territorien kennen. Die Journalistin Camila Nobrega wies darauf hin, dass der Fehler darin liege, vor Ort anzukommen und lokalen Bevölkerungen bestimmte „Fähigkeiten“ aufzuzwingen. „Unsere eigenen Verwundbarkeiten und unsere eigenen realen Einschränkungen zu verstehen, ist Teil der Zusammenarbeit, da wir auch verstehen können, wo die andere Perspektive beginnt. Indigene Völker haben das Recht zu existieren [an sich], nicht weil sie einen Nutzen haben. Das gilt auch für uns alle.. Es ist nicht nur so, dass wir nicht nur für etwas nützlich sein wollen, sondern wir wollen gemeinsam aufbauen. Und das ist, wie am Anfang zu beginnen, nicht am Ende des Prozesses“, sagte sie.

Text: Rafael Targino