Softletics: Nach der Brasilien-Roadshow müssen wir unsere Strategie überdenken

© DWIH São Paulo

Nach einer Woche in Brasilien, gefüllt mit zahlreichen Treffen in Rehabilitationszentren, mit paralympischen Athleten und bei Initiativen rund um die Herstellung und den Vertrieb von Prothesen, kehrten Cara Ammann und Lisa-Marie Frühauf mit einer Gewissheit nach Deutschland zurück: Sie müssen ihre Strategie überdenken und den brasilianischen Markt möglicherweise ganz oben auf ihre Prioritätenliste setzen. Die Gründerinnen von Softletics, dem Startup, das die 2025 Wettbewerb des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses (DWIH) São Paulo im Rahmen des Programms „Startups Connected“ gewonnen hat, waren in der ersten Novemberhälfte in Brasilien, um den lokalen Markt zu erkunden, Kontakte zu knüpfen und offiziell ihren Preis entgegenzunehmen.

„Bisher sind wir davon ausgegangen die Prothese zuerst auf den europäischen Markt zu bringen. Nun wird es vielleicht doch der brasilianische…“, berichtet Ammann in einem Interview mit dem DWIH São Paulo. Die Roadshow war Teil des Preispakets, das die Gründerinnen durch den Gewinn des Programms erhielten. Das Programm wird von der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer São Paulo (AHK São Paulo) durchgeführt, deren Mitglied Softletics nun für ein Jahr ist.

Lisa-Marie Frühauf, José Alexandre Martins da Costa, Fernanda Yara und Cara Ammann, im Comitê Paralímpico Brasileiro.

Für die DWIH-Herausforderung unter dem Motto „Global Health“ hatten Ammann und Frühauf eine kostengünstige und individuell anpassbare Prothesentechnologie präsentiert, die online bestellt und personalisiert werden kann. Inspiriert ist die Prothese von einem Kinderspielzeug, der sogenannten „Chinesischen Fingerfalle“, bei den Kindern ihre Finger in einem geflochtenen Papierschlauch einklemmen. Softletics nutzte dasselbe Prinzip, um Textilschläuche zu entwickeln, die sich am Stumpf des Trägers festsetzen und dabei ein hohes Maß an Atmungsaktivität und Mobilität ermöglichen.

Während ihres Aufenthalts in Brasilien besuchten die Gründerinnen von Softletics – ehemals Softsocket – Unternehmen wie Dilepé und Green Rock, führende Rehabilitationszentren wie Rede Lucy Montoro, AACD (eine der landesweit führenden Organisationen für die Betreuung von Kindern mit Behinderungen) und das Rehabilitationszentrum Flavio Gianotti. Hinzu kamen Besuche bei Initiativen wie der Sportabteilung des Nationalen Dienstes für Industrielle Ausbildung (Senai), dem Sozialdienst der Industrie (Sesi) und dem Brasilianischen Paralympischen Komitee, alle in São Paulo.

Der Sprinter Bruno Marins vom SESI Santo André testet die Prothese von Softletics während einer Übung an der Stange.

Die innovative Idee stieß auf großes Interesse bei brasilianischen Paralympioniken, die in Kürze Prototypen zum Testen erhalten werden. Unter ihnen ist Fernanda Yara da Silva, die in der Leichtathletik in der Klasse T47 (für armamputierte Athletinnen) antritt und bei den Paralympics 2024 in Paris Gold über 400 Meter gewann. Geplant ist, die Struktur als Hilfsmittel beim Krafttraining einzusetzen.

Darüber hinaus besuchten Ammann und Frühauf die Sitze des DWIH São Paulo und der AHK São Paulo und bedankten sich für die Unterstützung. „Ohne das DWIH São Paulo und die AHK São Paulo wäre es niemals möglich gewesen, all die Treffen zu realisieren. Auch wir haben versucht, zu einem der Kontakte eigenständig mit einem Kontakt eigenständig in Verbindung zu treten, haben aber nie eine Antwort bekommen auf unsere Anfrage. Mit dem DWIH São Paulo und der AHK São Paulo, war es eine kurze Nachfrage und wir hatten einen Termin für den gesamten Vormittag“, berichtete Frühauf.

Lesen Sie nachfolgend das Interview mit den Gründerinnen, in dem sie eine Bilanz ihrer Brasilienreise ziehen:

 

Was ist euer wichtigstes Fazit oder euer Gesamteindruck nach dieser intensiven Woche in Brasilien?

Cara Ammann – Brasilien bietet für uns eine überraschend große Möglichkeit für unsere Idee. Vielleicht sogar eine Möglichkeit das Produkt schneller auf den Markt zu bringen. Wir müssen nun also unser Businesskonzept überdenken. Außerdem haben wir super viele positive Rückmeldungen von Athletinnen und Athleten bekommen; das motiviert natürlich.

Lisa-Marie Frühauf – Es war eine Woche voll mit Möglichkeiten und guten Kontakten, die ohne die Roadshow so nie möglich gewesen wären oder nur mit sehr viel Arbeit und Glück.

Inwieweit hat sich eure Wahrnehmung des brasilianischen Marktes – insbesondere des Gesundheits- und Prothesensektors – durch den direkten Kontakt vor Ort verändert, verglichen mit euren Erwartungen?

Cara Ammann – Wir wussten bereits, dass der Bedarf da ist, aber nicht, dass er so groß ist. Unsere Prothese ist perfekt für den brasilianischen Markt. Nicht nur dass die Prothese atmungsaktiv, anpassbar und erschwinglich ist, sie ist ebenso einfach zu verwenden mit wechselbaren und der Funktion angepassten Handstücken. Wir haben herausgefunden, dass die Krankenversicherung keine funktionalen Prothesen bezahlt – d.h., dass viele Betroffene gar keine Prothese haben. Außerdem haben wir herausgefunden, dass die Produktion einer Prothese, anders als in Deutschland, in großen zentralen Werkstätten passiert, die dann die Rehazentren beliefern.

Lisa-Marie Frühauf – Durch den direkten Kontakt vor Ort haben wir einen viel besseren Eindruck bekommen, denn gerade bei den persönlichen Gesprächen bei der Führung der einzelnen Organisationen sind so viele Eindrücke und Gespräche entstanden, die online nie stattgefunden hätten. Auch das Gespür für die Betroffenen und auch die Dringlichkeit kann nur authentisch entstehen, wenn man vor Ort ist. Uns war vorher schon bewusst, dass es einen großen Bedarf gibt im brasilianischen Markt, aber aus Paper-Zahlen kann man nur Vermutungen anstellen, wie es wirklich ist und was die Betroffenen wirklich brauchen, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.

Der Roadshow zielte darauf ab, strategische Kontakte zu knüpfen. Könnt ihr uns einen Einblick geben, welche Arten von Kontakten ihr geknüpft habt?

Cara Ammann – Wir haben viele verschiedene mögliche Partner getroffen, zum Beispiel mögliche Produzenten im privaten und öffentlichen Sektor. Wir haben aber auch zwei Rehakliniken besucht, die zusammen 2/3 der in São Paulo vertrieben Prothesen abdecken. Nicht zuletzt haben wir aber auch mit Athleten gesprochen, insbesondere paralympische Athleten, die unsere Prothese direkt ausprobiert haben und nun unbedingt haben wollen.

Lisa-Marie Frühauf – Es war für uns eine Woche voll mit neuen Kontakten aus verschiedenen Bereichen, angefangen bei Vertriebspartnern und Materialforschung über Gesundheitsversorger wie Krankenhäuser oder Rehabilitationseinrichtungen. Darüber hinaus haben wir Kontakt knüpfen können zu Paraathleten sowohl auf Paralympischer Ebene wie auch auf brasilianischer Ebene. Auch der Kontakt zu einem brasilianischen Venture Capital war dabei. Wir konnten somit viele wertvolle Kontakte knüpfen, aus allen Bereichen, die für eine Startup wie unseres wichtigen Rollen spielen. Daraus sind auch neue Verbindungen zu Kontakten hier in Brasilien entstanden, die wir nicht immer direkt im Fokus hatten oder mit einer anderen Priorität.

Was sind nach dieser Woche die nächsten Schritte für Softletics in Bezug auf den brasilianischen Markt?

Cara Ammann – Wir müssen auf jeden Fall unsere Strategie überdenken. Bisher sind wir davon ausgegangen die Prothese zuerst auf den europäischen Markt zu bringen. Nun wird es vielleicht doch der brasilianische… Die nächsten Schritte für mich als technische Leitung des Teams ist die Fertigstellung einiger Prototypen für die Leichtathleten, die wir diese Woche getroffen haben.

Lisa-Marie Frühauf – Ein besonderes Anliegen ist es für uns unmittelbar nach unserer Ankunft zuhause Prototypen für einige Athleten herstellen, um sie nach Brasilien zu schicken, damit sie dann bereits in wenigen Wochen bei den brasilianischen Meisterschaften verwendet werden können. Das Nächste, was wir jetzt machen werden, ist all die ganzen Eindrücke sammeln und entscheiden, wie wir bestmöglich den Bedarf hier bewerkstelligen können um einen bestmöglichen Mehrwert für uns, aber auch für die Betroffenen selbst aus dieser intensiven Woche zu ziehen.

Wie wichtig war die Unterstützung durch das DWIH São Paulo und die AHK São Paulo bei der Organisation dieser Roadshow?

Cara Ammann – Unverzichtbar. Das DWIH São Paulo und die AHK São Paulo haben Verbindungen zu Organisationen hergestellt, von denen wir bisher nicht einmal eine E-Mail-Antwort erhalten haben. Ohne deren Bemühungen wäre wahrscheinlich keiner der Termine zu Stande gekommen.

Lisa-Marie Frühauf – ⁠Ohne das DWIH São Paulo und die AHK São Paulo wäre es niemals möglich gewesen all die Treffen zu realisieren. Zum Beispiel haben auch wir versucht, zu einem der Kontakte eigenständig Kontakt aufzunehmen, haben aber nie eine Antwort bekommen auf unsere Anfrage. Mit dem DWIH São Paulo und der AHK São Paulo, war es eine kurze Nachfrage und wir hatten einen Termin für den gesamten Vormittag. An dieser Stelle nochmals ein riesiges Dankeschön an alle, die es uns ermöglicht haben, so eine aufregende und unbeschreiblich wertvolle Woche hier verbringen zu können.

Text: Rafael Targino