Wissenschaft ist Soft Power‘: 1st Science Diplomacy Talk diskutiert Wissenschaftsdiplomatie im Bereich globale Gesundheit und feiert 100 Jahre DAAD

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Am 28. April fand in der brasilianischen Hauptstadt Brasília der erste Science Diplomacy Talk statt – eine Vortragsreihe des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses (DWIH) São Paulo, des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) Brasilien und der Deutschen Botschaft in Brasília. Im Rahmen der Veranstaltung diskutierten Expertinnen und Experten, wie Wissenschaftsdiplomatie dazu beitragen kann, Brücken zu schlagen und Lösungen für die aktuellen Herausforderungen im Bereich globale Gesundheit zu finden. Im Anschluss wurden Gäste und Partner anlässlich des hundertjährigen Bestehens des DAAD zu einem Empfang in die Deutsche Botschaft geladen.

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Professor Dr. Veronika Wittmann, Professorin für Global Studies am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz, hielt die Keynote Speech der Veranstaltung, auf die ein fachlicher Austausch folgte. An der Diskussion beteiligt waren Professor Laura Kemmer, Inhaberin des Martius-Lehrstuhls Deutschland-Brasilien für Humanwissenschaften und Nachhaltigkeit, eingerichtet vom DAAD an der Universität São Paulo; Marcelo Pelajo, Forscher in der Fachabteilung für Forschung und Biologische Sammlungen des Forschungszentrums Fundação Oswaldo Cruz (FIOCRUZ); Fabiano Tonaco Borges, Fachreferent für internationale Kooperation in Wissenschaft und Technologie im Gesundheitswesen im brasilianischen Gesundheitsministerium; Olivier Fontan, Gesandter-Botschaftsrat der Französischen Botschaft in Brasilien, und Raquel Soeiro, Head of Hub for the Americas – Access to Products for Healthcare der Organisation Ärzte ohne Grenzen.

Das Publikum wurde von der deutschen Botschafterin in Brasilien, Bettina Cadenbach, begrüßt. Sie erklärte, dass der Wissenschaftsdiplomatie in herausfordernden Zeiten eine wichtige Rolle zukommt. „Mit großer Freude haben wir nach dem heutigen Panel die Gelegenheit und eine Basis, um das hundertjährige Jubiläum des DAAD zu feiern, dem Grundstein der deutschen Wissenschaftsdiplomatie. Entscheidend ist es, weiterhin eine Kultur des Dialogs und des Austauschs zu pflegen und die verschiedenen Kommunikationskanäle offen zu halten“, bekräftigte sie.

Die Direktorin des DAAD Brasilien und des DWIH São Paulo, Katharina Fourier, betonte, dass globale Herausforderungen nur mithilfe von Kooperation bewältigt werden können – ein Merkmal des DAAD im Laufe seiner hundertjährigen Geschichte. „Die Wissenschaftsdiplomatie zieht sich wie ein roter Faden durch alle Phasen der Geschichte des DAAD und erlangt immer mehr Bedeutung. Die letzten Jahre waren von der Pandemie und dem Klimawandel geprägt und haben gezeigt, dass globale Herausforderungen nur durch Wissenschaftskooperation, gegenseitiges Vertrauen und einen kontinuierlichen internationalen Dialog gemeistert werden können. Besonders deutlich wird dies im Bereich der globalen Gesundheit. Nur, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse, außenpolitische Entscheidungen und neue Partnerschaften über Grenzen und Sektoren hinweg entstehen, können wir auch globalen Problemen begegnen.“

Wissenschaft als Soft Power

Die Keynote Speech der Veranstaltung wurde gehalten von Professor Dr. Veronika Wittmann, assoziierte Universitätsprofessorin für Global Studies am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Johannes Kepler Universität Linz. „Die Wissenschaft bietet ein Umfeld ohne Ideologie für die Beteiligung an einem freien Ideenaustausch zwischen den Menschen, unabhängig von ihrer kulturellen Herkunft, Nationalität, Regierung oder Religion, egal in welchem Kontext. Wissenschaftliche Ergebnisse gehören nicht einer kleinen Gemeinschaft, einer spezifischen Region der Welt oder einem einzelnen Staat. Sie sind zum Wohl der Menschheit da, wie Open Science. Wissenschaft ist Soft Power“, so Wittmann.

Anschließend moderierte sie die Debatte der anwesenden Spezialistinnen und Spezialisten. Aus Sicht des Gesandten-Botschaftsrates Fontan entstehen Probleme wie der Klimawandel und der Verlust der Biodiversität durch den Machtmissbrauch der Menschen in Bezug auf die Natur. „Die Diplomatie ist ein Instrument, das wir für Machtbegrenzung nutzen, wenn immer dies möglich ist. Sie ist wichtig, um Wissenschaft in gute politische Maßnahmen zu überführen. Mit ihrer Hilfe kann die wissenschaftliche Botschaft an die politischen Entscheidungsträger übermittelt werden. Das erlaubt uns den Versuch, Empfehlungen der Wissenschaft in politischen Maßnahmen umzusetzen und natürlich auch in der öffentlichen Wahrnehmung, in der Wirtschaft und anderen Bereichen“, lautete seine Einschätzung.

Pelajo von der Forschungseinrichtung FIOCRUZ ging insbesondere auf die Rolle der Diplomatie im Rahmen der Bereitstellung und Verabreichung von Impfstoffen gegen COVID-19 während der Pandemie ein. „Das war ein entscheidender Moment, aber es gab auch Herausforderungen. Es ist nicht damit getan, nur einen Impfstoff zu entwickeln. Es muss sichergestellt werden, dass die Menschen auch Zugang dazu bekommen, insbesondere die verwundbarste Bevölkerung. Und in diesem Zusammenhang leistet die Diplomatie einen wichtigen Beitrag. In Brasilien hat sie zum Beispiel eine wichtige Rolle eingenommen bei der Ausarbeitung der Vorschriften, dem Impfstofftransport und der Einhaltung der Kühlkette, die notwendig sind für die angemessene Verteilung der Impfdosen im ganzen Land“, führte er aus.

Der Vertreter des Gesundheitsministeriums, Tonaco Borges, wies auf die Notwendigkeit einer gerechteren Vision im Hinblick auf Gesundheit hin, in der die Effizienz eines Modells nicht vom Finanzkapital abhängt – wer also über mehr Mittel verfügt, erzielt einen höheren Wirkungsgrad. „Die Beteiligung von Ländern an globalen Gesundheitsinitiativen sollte inklusiv, offen und solidarisch ausgerichtet sein. Und Solidarität sind nicht nur Worte, sondern die Ermächtigung, Prioritäten zu setzen, Technologien zu entwickeln, Wissenschaft zu fördern und ohne externe Beeinflussung handeln zu können. Dazu gehört auch die notwendige wirtschaftliche Stärke zur Gestaltung der Zukunft“, so Borges.

Soeiro, die Vertreterin von Ärzte ohne Grenzen, unterstrich die Tätigkeit der Organisation in der Förderung der globalen Gesundheit. „Wir sind nahe an den Patienten und pflegen auch enge Beziehungen mit den Regierungen. Unser Anspruch ist es, sicherzustellen, dass die Patienten Zugang zu entsprechenden Behandlungen, medizinischer Beratung und notwendigen Therapien haben. Eine unserer Stärken ist, dass wir keine Gelder von Regierungen oder Privatunternehmen annehmen. Mehr als 95 % unserer Mittel stammen aus Privatspenden. Und das erlaubt es uns, unabhängige Verhandlungen mit Regierungen, privaten Sektoren, Unternehmen und Wissenschaftlern zu führen“, bekräftigte sie.

Professor Kemmer erläuterte, dass sämtliche Bereiche der Geistes- Sozial und Naturwissenschaften, politische Entscheidungsträger und lokale Gemeinschaften zusammenarbeiten müssen, um sichtbare Lösungen für die Herausforderungen in der globalen Gesundheit zu schaffen. „Politische Desinformation breitet sich besonders dann aus, wenn die Institutionen unnahbar oder elitär erscheinen. Unsere Antwort darauf sollte auf einem Fundament aus Vertrauen, Relevanz und Kooperation basieren. Für den Bereich der planetaren Gesundheit vertrete ich eine Diplomatie, die über die reine Verhandlung globaler Abkommen hinausgeht. In der Wissensproduktion sollten inklusive und partizipatorische Maßnahmen gefördert werden, die wirklich das Potenzial haben, unsere Realität zu verändern“, so Kemmer.