Experten diskutieren über die weltweit zunehmende Gewalt und Maßnahmen zu ihrer Verhinderung

© DWIH São Paulo

Religiöse, politische und soziale Intoleranz, Rassismus sowie das Auftauchen extremistischer und radikaler Gruppen prägen zunehmend die heutige Gesellschaft, begleitet von Auswüchsen der Gewalt und des Hasses. Um die Konflikte, die die Gesellschaft weltweit bedrohen, zu analysieren und über ihre Verhütung zu diskutieren, nehmen Experten aus Deutschland und Brasilien am 8. Deutsch-Brasilianischen Wissenschafts-, Forschungs- und Innovationsdialog teil, der gemeinsam vom DWIH und der Fapesp am 30. und 31. Oktober in São Paulo organisiert wird

Wir erleben derzeit weltweit eine Welle von Gewalt und radikalen Konflikten, die sich zunehmend verschärfen und in der Regel Spuren in der Gesellschaft hinterlassen. Die Gründe sind vielfältig: gegensätzliche Ideologien, politische, religiöse und soziale Intoleranz, Rassismus usw. In jedem Kontinent und in jedem Land existieren, was Gewalt und Radikalisierung betrifft, spezifische Ursachen und Zielgruppen, und über das digitale Universum wird Hass auch im virtuellen Umfeld verbreitet.

Diese und andere Themen werden am 30. und 31. Oktober 2019 in São Paulo beim 8. Deutsch-Brasilianischen Wissenschafts-, Forschungs- und Innovationsdialog erörtert, der gemeinsam vom Deutschen Wissenschafts- und und Innovationshaus São Paulo (DWIH São Paulo) und der Stiftung zur Forschungsförderung São Paulo (Fapesp) organisiert wird.

Unter dem Leitthema „Radikalisierung und Gewalt: Perspektiven und Präventionsansätze” hat die Veranstaltung, an der auch dieses Mal wieder renommierte Referenten aus Brasilien und Deutschland teilnehmen, zum Ziel, die Radikalisierung von Konflikten, die die Gesellschaft weltweit bedrohen, zu analysieren und über Vorbeugemaßnahmen zur Verhütung von Gewalt zu diskutieren. Dazu sollen einige Aktionsbeispiele vorgestellt werden.

Für Alba Zaluar von der Landesuniversität Rio de Janeiro (UERJ) kann der Begriff Radikalisierung aufgrund diverser geschichtlicher Ereignisse auf unterschiedliche Weise interpretiert werden und von verschiedenen Nebeneffekten begleitet sein. In der Regel wird er allerdings im negativen Sinne verwendet, um die Akzentuierung von Spaltung und Hass auszudrücken. „In der Politik bedeutet er, Lärm und unnötige Missverständnisse in politischen Beziehungen zu verursachen; im Alltagsleben bezieht  er sich auf die Kriminalität im Zusammenhang mit steigenden Mordraten und der Zunahme von anderen Gewaltverbrechen, bei denen die Ärmsten meistens die Opfer sind. Dabei ist eine Analyse notwendig, die über private Interessen und nicht im Zusammenhang stehende Werte hinauszugeht, das heißt, wir brauchen universelle Werte und Grundrechte, was uns dazu bringt, Gewalt von den Grenzen her zu erfassen, die solche Werte und Rechte der individuellen oder kollektiven Freiheit setzen würden”, erläutert Zaluar, die am 30. Oktober an der ersten Keynote-Runde mit dem Thema „Teufelskreise in der öffentlichen Sicherheit und die Zunahme der Kriminalität in Brasilien“ teilnimmt.

Julian Junk, Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)

Julian Junk vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), erster Keynote-Sprecher des Dialogs 2019 mit dem Thema „Radikalisierung und Gewalt – Erkenntnisse aus Deutschland und Europa”, merkt an, dass dieses Thema einen wichtigen Platz in der gesellschaftlichen Debatte in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern einnimmt. Er führt weiter aus, dass es sich weder um ein neues Thema noch um eine neue Bedrohung handele, und dass die Prävention von extremistischen Tendenzen nachhaltig und umfassend sein müsse. „Obwohl dies kein neues Phänomen ist und es immer verschiedene Formen politischer Gewalt gegeben hat, bleibt das Thema aktuell  und stellt eine der grundlegenden Herausforderungen dar, da es die Grundlagen des liberal-demokratischen politischen Systems berührt, das offen für Innovation und Pluralismus sein muss. Gleichzeitig muss sich dieses System gegen diejenigen wehren, die die Grundprinzipien der demokratischen Meinungsbildung in Frage stellen. Die Dynamik, die sich durch die Nutzung sozialer Medien und das Aufkommen populistischer politischer Strömungen entsteht, ist sicherlich ein neuer Aspekt”, erklärt Junk.

Lilia Schwarcz, Professorin an der Anthropologischen Fakultät der Universität São Paulo (USP), widmet sich dem Thema Gewalt und Autoritarismus in Brasilien und spricht am 31. Oktober als Hauptreferentin unter dem Titel „Vergangenheit und Gegenwart: Gewalt und Autoritarismus in Brasilien”. Sie hebt hervor, dass in Brasilien nicht nur die Gewalt epidemisch geworden sei, sondern dass auch die Intoleranz, die diese Gewalt erzeugt, in den letzten Monaten stark zugenommen habe. „Wir müssen uns mit der Gewaltfrage auseinandersetzen. Die brasilianische Polizei tötet weltweit am meisten und beklagt andererseits auch die meisten Todesopfer in ihren Reihen. Wir dezimieren eine Generation junger schwarzer Menschen aus den Peripherien unserer Städte, und es ist an der Zeit, dieses Problem in den Griff zu bekommen. Ich glaube, dass nur Bildung das Potenzial hat, den Auslöser für Intoleranz und Ungleichheit unter uns zu sperren. Der Dialog kommt also zu einem sehr wichtigen Zeitpunkt, um das Thema zu erörtern.”

Lilia Schwarcz, Universität São Paulo (USP)

Thomas Fischer von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU), ebenfalls Keynote-Sprecher des zweiten Veranstaltungstages, behandelt die Prävention von Gewalt und Radikalisierung von Konflikten anhand von Beispielen aus Deutschland, das eine lange Studien- und Forschungstradition zum Thema Frieden aufweist. „Deutschland hat dabei eine Vielfalt von politischen Maßnahmen entwickelt, die sich mit der Vergangenheit, der öffentlichen Geschichte, der Erinnerungskultur und der Friedenspädagogik befassen. Dies kann zum Erfahrungsaustausch zwischen Deutschland und Lateinamerika beitragen.”

Ebenfalls im lateinamerikanischen Kontext leistet Markus-Michael Müller von der Freien Universität Berlin einen Beitrag zum Thema „Institutionelle Radikalisierung: Wie harte Verbrechenspolitik lateinamerikanische Straßenbanden stärken kann“ leisten. Wer über die Ursachen von Radikalisierung und Gewalt im lateinamerikanischen Kontext nachdenken wolle, müsse sich auch mit der Rolle der Gefängnisse als Brutstätte doppelter Radikalisierung auseinandersetzen. „In lateinamerikanischen Gefängnissen steigt die Anzahl der Inhaftierten im weltweiten Vergleich immer weiter an. Gleichzeitig gelten Gefängnisse in der Region oft als vernachlässigt, finanziell schlecht ausgestattet und überlastet. Präventions- und Rehabilitationsansätze zur Reintegration von Gefangenen existieren nur auf dem Papier und sind politisch nicht opportun. Kriminelle Gruppen nutzen diese Situation für ihre Zwecke, da Gefängnisse aus ihrer Sicht ideale Orte sind, um gewöhnliche Gefangene zu rekrutieren und zu radikalisieren sowie aus ihren Sozialisierung in einer bestimmten Gewaltkultur, wie sie beispielsweise in Straßenbanden vorherrscht, Kapital zu schlagen.”

Das Programm wird an beiden Tagen jeweils mit den Podiumsdiskussionen „Radikalisierung von Konflikten und Gewalt verstehen: Formen, Akteure und Räume“ und „Strategien zur Prävention und Verminderung von Gewalt: Administration, Bildung und Kultur“ fortgesetzt. Die erste Debatte befasst sich mit dem Verständnis von gewalttätigen Bewegungen und radikalen Konflikten, sowohl in ihren Formen und Umfeldern als auch mit ihren Haupteinflüssen. In der zweiten Diskussion werden Beispiele für Strategien zur Verhütung von Gewalt durch Maßnahmen vorgestellt, die administrative, erzieherische und kulturelle Initiativen einbeziehen. Sérgio Adorno und Vitor Blota, beide vom Zentrum für Gewaltstudien (NEV) der USP, leiten die Podiumsdiskussionen, während Stefan Kroll, ebenfalls vom HSFK, die Keynote-Vorträge leitet. Kroll, Adorno, Blota und Fischer bilden das wissenschaftliche Komitee des Dialogs 2019.

Der Deutsch-Brasilianische Wissenschafts-, Forschungs- und Innovationsdialog zählt auf die Partnerschaft des DAAD, des deutschen Außenministeriums, der USP, der Universität von Campinas (Unicamp) und der Landesuniversität São Paulo (Unesp). Die Veranstaltung wird außerdem von der Brasilianische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (SBPC), der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Deutsch-Brasilianischen Ingenieurverband (VDI-Brasilien), dem Goethe-Institut und dem Maria Sibylla Merian Center Conviviality-Inequality in Latin America (Mecila) unterstützt.

Mehr Informationen, der vollständige Zeitplan und Anmeldungen hier!

Von Ana Paula Katz Calegari

8. Deutsch-Brasilianischer Wissenschafts-, Forschungs- und Innovationsdialog

Termine: 30. Oktober von 8.30 bis 17 Uhr und 31. Oktober von 9.00 bis 16.00 Uhr
Veranstaltungsort: FAPESP Auditorium | Rua Pio XI 1500 – Alto da Lapa – São Paulo (SP)
Kostenlose Anmeldungen: http://bit.ly/Dialogo2019