Podiumsdiskussion des DWIH São Paulo bei der SBPC: Genderstereotype und fehlende Vorbilder sind Herausforderungen für Gründerinnen in der Wissenschaft

© DWIH São Paulo

Wissenschaftlerinnen, die in Deutschland und Brasilien unternehmerisch tätig werden wollen, sehen sich ähnlichen Herausforderungen gegenüber – trotz der großen Distanz zwischen den beiden Ländern: Genderstereotype, geringe Selbstwirksamkeit und das Fehlen geeigneter Rollenvorbilder. Dies ist das Fazit der Podiumsdiskussion des Deutschen Wissenschafts- und Innovationshauses (DWIH) São Paulo, die am 15. Juli im Rahmen der 77. Jahrestagung der Brasilianischen Gesellschaft für den Fortschritt der Wissenschaft (SBPC) an der Universidade Federal Rural de Pernambuco (UFRPE) in Recife stattfand.

An der Diskussion nahmen teil: Dr. Anne Vortkamp, Vertreterin des REACH – EUREGIO Start-up-Centers der Universität Münster und CEO von CARAPAX Biotechnologies; Prof. Dr. Laura Bechthold, Professorin an der Technischen Hochschule Ingolstadt (THI) und Mitgründerin des Bavarian Foresight-Instituts; sowie Dr. Maitê Gothe, Forscherin am Institut für Chemie der Universität São Paulo (USP) und Preisträgerin u.a. des Best Pitch Awards in der Kategorie „Brazil Competitive Edge“ beim VivaTech 2025. Die Moderation übernahm Prof. Dr. Soraya Smaili, die während der Jahrestagung zur Vizepräsidentin der SBPC ernannt wurde, gemeinsam mit Anja Grecko Lorenz, Geschäftsführerin des DWIH São Paulo.

Laut Frau Lorenz bot die Podiumsdiskussion eine gute Gelegenheit, Erfahrungen zu einem Thema auszutauschen, das Frauen in Deutschland und Brasilien gleichermaßen betrifft. „Die Diskussion war sehr bereichernd und steht im Einklang mit dem Ziel des DWIH São Paulo, Institutionen, Forschende und Innovationsakteure beider Länder miteinander zu vernetzen und ihnen zu ermöglichen, aus vergleichbaren Erfahrungen zu lernen“, so Lorenz.

Geschlechterungleichheit und Selbstwahrnehmung

Prof. Dr. Bechtold betonte, dass sich die Geschlechterungleichheit in Deutschland erst im Laufe der akademischen Laufbahn abzeichnet. Ihr zufolge sind 54 % der Studierenden an Universitäten Frauen, aber nur 29 % der Hochschulprofessuren sind mit Frauen besetzt. Nur etwa ein Fünftel der Start-ups werden von Frauen gegründet – und in anderen Berufen verschärft sich das Bild weiter: 8 von 100 Flugzeugpiloten sind weiblich und nur 3 von 100 Chefköchen mit Michelin-Sternen sind Frauen.

Die Professorin lenkte die Aufmerksamkeit auf psychologische Mechanismen, die die Selbstwahrnehmung von Frauen beeinflussen können, bzw. die Frage, wie kompetent sie sich im Vergleich zu Männern für bestimmte Aufgaben halten. In einem Experiment wurden über 500 Studierenden zehn Multiple-Choice-Fragen gestellt. Danach wurden sie gefragt, wie viele Fragen sie ihrer Meinung nach richtig beantwortet hatten und wie viele die anderen im Durchschnitt richtig beantwortet hätten. Männer und Frauen erzielten im Schnitt exakt dieselbe Punktzahl – 4,4 von zehn.

„Aber bei der Einschätzung der eigenen Leistung überschätzten Männer sich selbst und glaubten, mehr richtige Antworten gegeben zu haben, als es tatsächlich der Fall war. Frauen hingegen unterschätzten ihre Ergebnisse. Und mehr noch: Als sie gebeten wurden, die durchschnittliche Leistung ihrer Kommilitoninnen einzuschätzen, glaubten sie nicht nur, sie selbst hätten schlecht abgeschnitten, sondern auch, dass die anderen besser abgeschnitten hätten. Bei den Männern war es genau umgekehrt: Sie nahmen an, sie hätten besser abgeschnitten als der Durchschnitt. Wir sehen hier also keinen Unterschied in der Kompetenz, sondern im Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit – der sogenannten Selbstwirksamkeit“, so Prof. Bechthold.

„Es wurde ein binäres Bild konstruiert: Entweder man ist kompetent oder warmherzig. Aber Frauen können beides sein. Das müssen wir zeigen. Es braucht mehr als nur Daten: Wir brauchen Beispiele, Geschichten und Vorbilder – denn wenn sich Frauen wiedererkennen, können sie sich vorstellen, mehr zu erreichen“, sagte sie.

Die Rolle der Institutionen

Dr. Vortkamp stellte in ihrem Vortrag das Innovationsökosystem der Universität Münster und das daran angeschlossene REACH – EUREGIO Start-up Center vor, das darauf abzielt, Studierenden und Forschenden zu zeigen, dass gute Ideen in Geschäftsmodelle überführt werden können. Innerhalb des REACH gibt es auch Initiativen zur Förderung von Unternehmerinnen, wie etwa REACH to Empower. „Wir versuchen zu inspirieren, zu vernetzen und – das ist das Wichtigste – zu bilden. Damit Frauen das Selbstvertrauen entwickeln und sagen können: ‚Ja, ich kann etwas – denn ich kann mich auf Theorie, Praxis und mein erlerntes Wissen stützen – und bin dadurch in der Lage, das umzusetzen.“ Unser Ziel ist es, den Anteil weiblicher Gründungen im Ökosystem zu steigern, um damit eine Vision zu verwirklichen, in der Frauen Unternehmen führen “, sagte sie.

Dr. Vortkamp gründete ein Start-up auf Basis ihres Dissertationsthemas, das seit 2024 den Namen CARAPAX biotechnologies trägt und Chitosane als Biostimulanzien entwickelt. Biostimulanzien sind Teil neuartiger und moderner Pflanzenstärkungs- und Düngemittelstrategien, die es Landwirt*innen und Produzent*innen ermöglicht, den Herausforderungen des voranschreitenden Klimawandels wie Trockenheit und Hitze auf nachhaltige Art zu begegnen. Anhand ihrer persönlichen Gründungserfahrung zeigte sie, wie ausschlaggebend es war, durch das Training und die Lerninhalte am REACH ihre Selbstwirksamkeit zu stärken und selbst in schwierigen Situationen sich selbst und seiner Entscheidungsfähigkeit zu vertrauen.

Initiativen wie das REACH und REACH to Empower zeigen, welche zentrale Rolle Universitäten und Forschungseinrichtungen bei der Förderung wissenschaftsbasierter Gründungen spielen. „Ohne die Wissenschaft und die Bildung, die an Universitäten entsteht, könnten wir nicht einmal über Unternehmertum und wissenschaftsbasierte Start-ups sprechen“, sagte Vortkamp.

Genderstereotype

Dr. Gothe ist eine der Gründerinnen des Start-ups Carbonife, das aus einer im Rahmen ihrer Promotion vom RCGI (Research Centre for Greenhouse Gas Innovation) geförderten Forschungsarbeit hervorging. Sie betonte die Bedeutung der öffentlichen Finanzierung und Förderung der Gründung dieses Unternehmens, das darauf abzielt, Kohlendioxid mittels Katalyse in grünes Methanol umzuwandeln, um die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu verringern. Doch bevor es zur Gründung von Carbonife kam, wurde Dr. Gothe in ihrem persönlichen und beruflichen Weg immer wieder hinterfragt.

„Ich wusste, dass ich in die Wissenschaft wollte. Ich hatte das Gefühl, dass ich mir ganz sicher sein müsste, wenn ich mich für die Forschung in der Chemie entscheide, weil alle immer betonten, wie schwierig das sei. Deshalb konnte ich mich so mit dem identifizieren, was Prof. Bechthold berichtete: Als Jugendliche oder junge Erwachsene hörte ich ständig Sätze wie: ‚Bist du dir sicher?‘ ‚Das ist sehr schwierig!‘ ‚Glaubst du wirklich, dass du das schaffst?‘ Und das hat mich wirklich verunsichert, denn niemand ist sich mit 17, 18 oder 20 sicher – zumindest war ich es nicht“, erzählte sie.

Als wäre das nicht genug, musste sich Gothe im Laufe ihrer Karriere auch sexistische Kommentare über ihre Fähigkeiten anhören. „Als Doktorandin und später als Postdoc hörte ich oft – sowohl von Leuten aus meinem Bereich als auch von anderen – Sätze wie: ‚Du bist Forscherin? Das hätte ich nicht gedacht, Du siehst doch so gut aus.‘ Solche Bemerkungen lassen einen wirklich daran zweifeln, ob man am richtigen Ort ist“, berichtete sie.

Frauen in Führungspositionen

Zum Abschluss der Diskussion erzählte Prof. Dr. Smaili eine persönliche Geschichte und erinnerte daran, dass sie die erste Frau war, die das Rektorat der Bundesuniversität von São Paulo (Unifesp) übernahm – und zugleich die erste Nichtmedizinerin. „Wenn man eine Machtposition erreicht, eine Position, in der man Entscheidungen treffen und Veränderungen fördern kann, kann man den Weg für andere Frauen öffnen. Als ich als Rektorin begann, habe ich 70 % der Posten in allen Gremien mit Frauen besetzt. In dieser Zeit hatten Frauen das Sagen an der Universität“, erinnerte sie sich.

Das blieb nicht ohne Reaktionen. „Ein Kollege, ebenfalls Professor, fragte mich, ob ich das mit Absicht machte. Ich antwortete: ‚Ja, ich mache das mit Absicht. Das ist eine politische Entscheidung. Ab jetzt werden Frauen an dieser Universität das Kommando übernehmen.‘ Heute haben wir erneut eine Frau als Rektorin. Sie arbeitete damals mit mir im Rektorat – und heute sind mehr als 70 % der Führungskräfte Frauen. Das heißt: Wir können Dinge verändern. Wir können es selbst tun und Realitäten verändern“.

Text: Rafael Targino