Wissenschaft, Mobilität und Geopolitik: DAAD-Alumni diskutieren die Zukunft der deutsch-brasilianischen Zusammenarbeit
© Eduardo Tadeu/DAAD
Der DAAD Brasil brachte rund 250 ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten, Forschende sowie Partnerinstitutionen in der Deutschen Botschaft in Brasília zu zwei Tagen des Austauschs und der Vernetzung zusammen. Das Seminar „Kompetenznetzwerke Brasilien–Deutschland: Alumni im Dialog über Forschung und globale Mobilität“, das am 28. und 29. Mai stattfand, hatte das Ziel, das Alumni-Netzwerk in Brasilien zu stärken und ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten als strategische Brücken zwischen beiden Ländern zu positionieren. Zu den Teilnehmenden gehörten außerdem Vertreterinnen und Vertreter von Universitäten, Forschungszentren, Unternehmen sowie öffentlichen Institutionen aus Brasilien und Deutschland.
Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit der Deutschen Botschaft Brasília und dem Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus (DWIH) São Paulo organisiert und unterstrich die Bedeutung der bilateralen akademischen Zusammenarbeit für die Entwicklung beider Länder. Im Rahmen des Seminars wurden thematische Netzwerke mobilisiert, um eine gemeinsame deutsch-brasilianische Kooperationsagenda in fünf strategischen Bereichen zu erarbeiten: Klima und Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, Gesundheit und Biowissenschaften, Gesellschaft und Governance sowie Deutschlehrkräftebildung und Kooperation.
Das Seminar fand während des Brasilienbesuchs des DAAD-Präsidenten Joybrato Mukherjee statt. Die dreitägige Reise führte ihn nach São Paulo und Brasília und umfasste Gespräche mit der Forschungsförderagentur des Bundesstaates São Paulo (FAPESP), der Universität São Paulo (USP), dem Staatssekretariat für Wissenschaft, Technologie und Innovation des Bundesstaates São Paulo sowie mit Vertreterinnen und Vertretern der Justiz und Forschungsförderung. Der Besuch unterstrich die Rolle Brasiliens als strategischen Partner der deutschen Wissenschaftskooperation.
Eröffnung
Katharina Fourier, Direktorin des DAAD Brasil und des DWIH São Paulo, erklärte, die Idee für die Veranstaltung sei bereits zu Beginn ihrer Tätigkeit in Brasilien im Gespräch mit der deutschen Botschafterin Bettina Cadenbach entstanden. Ausgangspunkt sei die Frage gewesen, wie die Zusammenarbeit zwischen dem DAAD, Deutschland und dem Alumni-Netzwerk in Brasilien weiter intensiviert werden könne. Daraus entwickelte sich das Konzept eines Treffens, das die wissenschaftliche Kooperation, die akademische Mobilität und die Rolle der Alumni als lebendige Verbindung zwischen Brasilien und Deutschland in den Mittelpunkt stellt. Fourier ist selbst DAAD-Alumna.
Cadenbach hob die derzeit günstige Phase der bilateralen Beziehungen hervor und betonte die Bedeutung des Treffens über diplomatische Protokolle hinaus. Sie verwies auf jüngst geschlossene Abkommen in Bereichen wie Klimaschutz, Regulierung sozialer Netzwerke, Künstliche Intelligenz, Agrarforschung, Teilchenphysik und Cybersicherheit. „Deutschland ist und bleibt ein verlässlicher Partner Brasiliens“, sagte sie und ergänzte, dass beide Länder heute eine gemeinsame Agenda zur Verteidigung von Demokratie und regelbasierter Ordnung teilen.
In einer Videobotschaft würdigte die deutsche Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, Dorothee Bär, die Alumni als konkreten Ausdruck der bilateralen Beziehungen: „Sie zeigen, was diese Beziehungen in der Praxis bedeuten: neugierig aufeinander zu sein, Sprache und Kultur kennenzulernen, gemeinsam zu studieren und weit darüber hinaus zusammenzuarbeiten, um Ideen und Projekte zu entwickeln, die Fortschritt für beide Länder bringen.“
Mukherjee stellte das Seminar in den Kontext der hundertjährigen Geschichte des DAAD. Mit mehr als drei Millionen Geförderten weltweit verfüge die Organisation über eine langjährige Präsenz in Brasilien. „Die eigentliche Wirkung beginnt nach dem Ende des Stipendiums. Als Alumni sind Sie Botschafter des internationalen Austauschs, Multiplikatoren von Wissen und Brückenbauer zwischen Ländern, Disziplinen und Sektoren“, sagte er.
Wissenschaft als geopolitischer Faktor
Ein Höhepunkt des Seminars war das Panel „Allianzen in Bewegung: Akademische Kooperation in Zeiten geopolitischer Transformation“, an dem Joybrato Mukherjee, Helena Nader (Präsidentin der Brasilianischen Akademie der Wissenschaften, ABC), Olival Freire Jr. (Präsident des brasilianischen Nationalrats für Wissenschaftliche und Technologische Entwicklung, CNPq), Rui Oppermann (Direktor für internationale Beziehungen der Stiftung Koordination für Weiterbildung auf Hochschulebene, Capes) und Draiton Gonzaga de Souza (Prorektor für Forschung und Graduiertenstudien der Päpstliche Katholische Universität Rio Grande do Sul, PUCRS) teilnahmen.
Die Diskussion machte deutlich, dass Wissenschaft, akademischer Austausch und Forschungskooperation längst nicht mehr nur als Soft Power verstanden werden, sondern zunehmend eine konkrete geopolitische Bedeutung erlangen. Nach Ansicht der Teilnehmenden verbinden Brasilien und Deutschland nicht nur wissenschaftliche Interessen, sondern auch gemeinsame Werte wie Demokratie, Wissenschaftsfreiheit und das Verständnis von Wissenschaft als öffentliches Gut.
Alumni im Mittelpunkt
Das Seminar bot auch Raum für die Präsentation herausragender Alumni-Karrieren. Im „Alumni Talent Forum“, moderiert von Fabíola Gerbase, stellvertretende Direktorin des DAAD Brasil, präsentierten fünf Forschende ihre wissenschaftlichen Laufbahnen und die Bedeutung ihrer Deutschlanderfahrungen. Zu den Vortragenden gehörten Tatiana Sampaio, Professorin am Institut für Biomedizinische Wissenschaften der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ), Rodrigo Pastl, Direktor des Technologieparks Ceará und promoviert an der Technischen Universität Berlin, Mercedes Bustamante, Professorin an der Universität Brasília und ehemalige Präsidentin der Capes, Hiaman Rodrigues, Diplomat und ehemaliger Teilnehmer des Hochschulwinterkurses, sowie Giselly Brasil, Professorin an der Bundesuniversität Paraná (UFPR) mit Forschungsaufenthalt an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Im Anschluss präsentierten weitere zehn Alumni ihre akademischen Laufbahnen in einer offenen Networking-Galerie. Vertreten waren zudem zahlreiche deutsche Institutionen, darunter der DAAD, das DWIH São Paulo, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), das Goethe-Institut, die Freie Universität Berlin, die Universität Münster, die Technische Universität München (TUM), die Universitätsallianz Ruhr sowie die Deutsch-Brasilianische Industrie- und Handelskammer Rio de Janeiro. Den Abschluss des Programmblocks bildete das Forum „Fair Talent Exchange: Internationale Mobilität als Instrument wissenschaftlicher Entwicklung“, das Fördermöglichkeiten und Forschungsprogramme vorstellte und den Austausch über internationale Mobilität und wissenschaftliche Kooperation förderte.
Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft
Der zweite Veranstaltungstag begann mit dem Panel „Wissenschaft im Dialog mit der Gesellschaft: Kommunikation als Grundlage für Vertrauen und Wirkung“. Moderiert von der Journalistin und Podcasterin Meghie Rodrigues (Ciência Suja), diskutierten die Wissenschaftskommunikatorinnen Ana Bonassa und Laura Marise, Gründerinnen des Kanals „Nunca Vi 1 Cientista“, über Strategien zur Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte in digitalen Räumen, die zunehmend von Desinformation geprägt sind.
Im Mittelpunkt standen die Unterschiede zwischen Wissenschaftskommunikation, Wissenschaftsjournalismus und Wissenschaftsvermittlung. Zudem wurde die Notwendigkeit diskutiert, Wissenschaftskommunikation stärker institutionell an Hochschulen zu verankern, anstatt sie ausschließlich einzelnen Forschenden zu überlassen.
Der zweite Tag war außerdem den Arbeitsgruppen der Forschungs- und Innovationsforen gewidmet. Unter der Leitung von Anja Grecko Lorenz (DWIH São Paulo) und Sören Metz (TUM) arbeiteten die Teilnehmenden in fünf thematischen Gruppen zu Gesundheit und Biowissenschaften, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz, Gesellschaft und Governance, Klima und Nachhaltigkeit sowie Deutschlehrkräftebildung. Ziel war die Entwicklung konkreter Vorschläge für die deutsch-brasilianische Zusammenarbeit. Die Ergebnisse wurden anschließend im Plenum vorgestellt. DAAD und DWIH São Paulo werden die Vorschläge systematisieren und mögliche Anknüpfungspunkte zu bestehenden Förderprogrammen identifizieren.
Text: Rafael Targino