Migration in der Sichtweise der Medien

© Divulgação UFSC e UnB

Migrationswellen standen in den letzten Jahren immer wieder im Mittelpunkt der Presseberichterstattung. Aber wie wird über das Thema berichtet und welche Verantwortung wird dabei übernommen? Wie wirken sich diese Pressemeldungen nicht nur auf die Gesellschaft, sondern auch auf die Politik der einzelnen Länder sowie auf internationaler Ebene aus? Wenn wir die Berichterstattung über Migrationsthemen unter journalistischen und informativen Gesichtspunkten betrachten, sind Aspekte wie Verantwortung, konstante Aktualisierung sowie journalistische Entwicklung und Innovation von größter Bedeutung.

Diese Fragen wurden in den am 25. März in Florianópolis und am 29. März in Brasilia veranstalteten Symposien mit dem Thema „Migration Coverage and Media Accountability” erörtert, die in einer deutsch-brasilianischen Zusammenarbeit gemeinsam von der Universität Brasília (UnB), der Staatlichen Universität Santa Catarina (UFSC), der Technischen Universität Dortmund (TU Dortmund) und dem Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus São Paulo (DWIH São Paulo) veranstaltet wurden.

DWIH São Paulo sprach mit Spezialisten beider Länder, die an den Symposien teilnahmen und sich mit verschiedenen Aspekten des Migrationsszenarios befassten.

Bedeutung und Verantwortung der Medien bei der Berichterstattung über die Migration
Die Bedeutung der Beziehung zwischen Medien und Migration wächst mit der Anzahl der Flüchtlinge, und mit ihr die Rolle der Kommunikationskanäle in der Gesellschaft. Soziale Themen und deren in der öffentlichen Diskussion eingenommener Stellenwert stehen im direkten Zusammenhang mit den in den Medien realisierten Aktivitäten. Folgerichtig ist dieses Thema heute so aktuell und wichtig, denn die „Migrationskrisen” spielen eine wichtige Rolle im Hinblick auf Transformationen in den Medien, und damit auf der ganzen Welt.

Für die Journalismus-Professorin Cristina Fontinha Miranda von der UFSC erschwert die Komplexität dieses Phänomens, das auf den verschiedenen Kontinenten jeweils von unterschiedlichen Sichtweisen geprägt wird, das Verständnis und somit die Verbreitung präziser Informationen. „In der Regel behandeln die Medien die Migration als nationales Phänomen und werden dabei stark von Regierungsquellen beeinflusst. Auf diese Weise werden Migranten als Gruppe oder als Masse, aber nicht als Individuen empfunden”, erläutert die Professorin. Ihrer Auffassung nach könnten die Medien ihre Rolle besser ausüben, indem sie das Thema umfassender behandeln, das heißt, nicht nur offiziellen Quellen folgen, sondern auch die Stimmen anderer Beteiligter veröffentlichen.

In Europa führte die umfangreiche Berichterstattung über die Migrationskrise des Jahres 2015 zu einer Sensibilisierung der öffentlichen Meinung, die in der europäischen Bevölkerung gespalten ist. Für die deutsche Forscherin Susanne Fengler, Professorin für internationalen Journalismus an der TU Dortmund und wissenschaftliche Leiterin des Erich-Brost-Instituts für Internationalen Journalismus, hat diese Entwicklung Europa grundlegend verändert. „In vielen Ländern haben populistische Parteien große Gewinne verzeichnet. Auch der Brexit ist eng mit der Besorgnis im Hinblick auf offene Grenzen verbunden. Eine europäische Lösung für die Migrationsfrage ist nicht in Sicht. Der Globale Pakt der Vereinten Nationen hat in der ganzen Welt zu Diskussionen geführt. Aus diesem Grund wird es immer wichtiger, dass die Medien dieses Thema übergreifend behandeln und internationale Zusammenhänge darstellen. Nur auf diese Weise können sich die Menschen ein eigenes Urteil über diese politische Herausforderung bilden”.

Brasilien: Berichterstattung über Migration in einer neuen Realität
Fengler glaubt, dass der aktuelle Migrationsdruck an brasilianischen Grenzen zwar nicht mit der europäischen Situation vergleichbar sei, aber aufgrund der politischen und humanitären Krise in Venezuela eine immer größere Herausforderung darstelle. „Laut Informationen des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge sind bereits 100.000 Menschen nach Brasilien gekommen, und es zeichnen sich keine Perspektiven für eine Lösung der Krise ab.”

Fernando Oliveira Paulino, Professor und Leiter des Fachbereichs für Kommunikation an der UnB ergänzt die Ausführungen der deutschen Professorin: „Im Allgemeinen sind die Kommunikationskanäle noch dabei, sich darauf einzustellen, wie sie über die wachsende Migration der Menschen aus anderen Ländern nach Brasilien berichten sollen.” Für Paulino gewinnt das Thema in der brasilianischen Berichterstattung zunehmend an Bedeutung. Man müsse neben einer quantitativen Analysen auch qualitative Forschung betreiben, um der Dimension des Themas durch eine umfassende Behandlung gerecht zu werden. Das bedeute konkret, man müsse über die Menschenbewegungen auf eine Weise berichten, bei der eine größtmögliche Anzahl der Beteiligten zu Wort komme. Beweggründe und Alltag der Migranten und Flüchtlinge sowie deren täglicher Überlebenskampf müssten in den Reportagen in angemessener Form darstellt werden. „Einerseits ist der Dialog zwischen Kommunikationskanälen, Journalisten und Publikum von grundlegender Bedeutung, andererseits müssen aber auch Aktivitäten zur beruflichen Fortbildung gefördert werden”, betont Paulino und hebt dabei die Wichtigkeit der Symposien über das Thema „Migration Coverage and Media Accountability” hervor.

Die Entwicklung der Berichterstattung über die Migration
Wie Fernando Oliveira Paulino weiter ausführt, stellen Veränderungen und Entwicklungen im Hinblick auf den Umgang mit Informationen wichtige Aspekte für die Berichterstattung dar: „Wenn wir die geschichtliche Entwicklung betrachten, gibt es heute eine größere Anzahl an ausgebildeten Journalisten und ein breitgefächertes Publikum für Nachrichten und Reportagen. Dazu muss man auch die einschneidenden Veränderungen im Medienuniversum berücksichtigen. Das heißt, im selben Maße, wie sich die Produktions-, Verteilungs- und Zugangsformen zu den Inhalten gewandelt haben, haben sich auch die Ermittlungs- und Austauschabläufe im Hinblick auf journalistisches Material verändert. Die Herausforderung besteht darin, eine nachhaltige Formel für Investitionen und finanzielle Rentabilität in einem Umfeld zu finden, in dem die wichtigsten Unternehmen Beziehungen zu politischen und wirtschaftlichen Gruppen unterhalten”. Vor diesem Hintergrund, so der UnB-Professor, sei es außerordentlich wichtig, die internationale journalistische Berichterstattung über Schulungsaktionen zu optimieren. Dazu gehörten Fortbildungskurse, und Gespräche mit Spezialisten auf diesem Gebiet, die mit konkreten Vorschlägen einen Beitrag zu anderen Formen der Themenbehandlung leisten könnten, wie beispielsweise die Einbeziehung von Betroffenen, was der Berichterstattung einen menschlicheren Charakter verleihen könnte.

Forschungsergebnisse der TU Dortmund über die Berichterstattung zum Thema Migration
Die deutsche Forscherin Susanne Fengler präsentierte außerdem Ergebnisse einer Untersuchung der TU Dortmund über das internationale Politik- und Medienszenario mit dem Ziel, die Diskussion über dieses Thema zu vertiefen und über eine Plattform der bilateralen Zusammenarbeit Kontinuität zu gewährleisten.

Im Hinblick auf die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigte Fengler auf beeindruckende Weise, wie die Angst vor Migrationswellen das politische Szenario in ganz Europa verändert hat und wie entscheidend sich die Migrationspolitik seit Beginn der Flüchtlingskrise im Jahr 2015 auf die Wahlergebnisse in verschiedenen europäischen Ländern auswirkte, wobei sie speziell auf die Lage in Frankreich, Deutschland, Italien, Österreich und Großbritannien einging.

Abschließend fasst die deutsche Forscherin zusammen: ”Wir haben auf der einen Seite die Berichterstattung von sechs europäischen Ländern mit fünf afrikanischen Ländern verglichen. Dabei fällt ins Auge, dass die Berichterstattung zu diesem Thema in afrikanischen Länder praktisch nicht existiert, während sie in Europa die Schlagzeilen beherrscht. In Afrika wird das Thema mit ganz anderen Augen gesehen, was teilweise auf die mangelhaften journalistischen Möglichkeiten in den Redaktionen zurückzuführen ist. In Europa wiederum wird Migration hauptsächlich im Hinblick auf die Sicherheit der Grenzen erörtert. Wir haben eine weitere Studie in 17 Ländern durchgeführt, wobei wir die Berichterstattung in Ost- und Westeuropa, in den Vereinigten Staaten und Russland verglichen haben. Die Ergebnisse werden im kommenden Sommer (im brasilianischen Winter) veröffentlicht.”

Mehr Informationen zum Thema und zu der Studie der TU Dortmund:
Media and Transparency – a Global Perspective
Journalism in a Global Context

Von Ana Paula Katz Calegari